Links abbiegen und nicht ablenken lassen

11. Juli 2006, 20:14
posten

Ein Forschungsprojekt soll Verkehrstelematik benutzbarer machen

Im Bereich der Verkehrstelematik wird an zahlreichen Möglichkeiten geforscht, um das Fahren komfortabler und vor allem sicherer zu gestalten: Navigationssysteme, Einparkhilfen, Anti-Kollisionssysteme oder intelligente Fahrgeschwindigkeitsregler sind Techniken, die in neueren Automodellen schon eingesetzt werden.

Diese Geräte bedeuten aber auch Herausforderungen für den Fahrer - er muss mehr Information verarbeiten: "In 50 Metern links abbiegen", meldet das Navigationssystem, ein akustisches Signal mahnt, den Sicherheitsabstand zum vorderen Fahrzeug einzuhalten, der Fahrer antwortet über Freisprecheinrichtung einer Stimme am anderen Ende der Telefonleitung, während eine Staumeldung das Musikprogramm im Radio unterbricht. Plötzlich kracht es. Der Lenker hat ein entgegenkommendes Auto übersehen und einen Unfall verursacht.

Im Rahmen des Forschungsprojektes Lives hat das Forschungszentrum Cure (Center for Usability Research & Engineering) gemeinsam mit Factum Verkehrs- und Sozialanalysen untersucht, wie diese neuen Systeme optimal eingesetzt werden können, um die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen. In Lives - LenkerInnenInteraktion mit Verkehrstelematischen Systemen - hat man sich deshalb der Integration dieser Techniken gewidmet, die bisher separat entwickelt und angeboten werden. Wenn die Interaktion mit den Geräten im Auto nicht abgestimmt ist, bestehe die Gefahr, dass die Aufmerksamkeit des Lenkers von kritischen Gefahrenpotenzialen auf nebensächliche Informationen abgelenkt wird.

"Nur im durchdachten Zusammenspiel können die neuen Systeme die Lenker unterstützen, ohne sie zu überfordern", sagt der gebürtige Holländer Arjan Geven von Cure, Projektleiter von Lives.

Seit Beginn dieses Jahres arbeiteten Forscher von Cure mit Factum an der Beantwortung der Kernfragen. Wie kann die Information am besten zum Fahrer gebracht werden, sodass die einzelnen Informationen nicht miteinander konkurrieren, sondern sich sinnvoll ergänzen? Wie können die unterschiedlichen Modalitäten am besten genutzt werden?

Simulator

Um die von Factum erarbeiteten Forschungsfragen zu beantworten, entwickelt Cure einen speziell dafür abgestimmten Fahrsimulator. Die Projektion der Verkehrsumgebung (realisiert mit der Open Source Software Blender) wird mit realen Geräten kombiniert, die akustische und visuelle Informationen und haptische Warnungen (z. B. ein Rütteln des Fahrersitzes) vermitteln.

Die Versuchspersonen werden mit realistischen Verkehrssituationen konfrontiert, müssen auf Fußgänger und Gegenverkehr achten und bekommen aktuelle Informationen, auf die sie reagieren müssen. Der Fahrsimulator ermöglicht es, die Auswirkungen der Interaktion zwischen den Lenkern und den informationsvermittelnden Elementen auf das Fahrverhalten zu testen und Erkenntnisse für die Optimierung der Verkehrssicherheit zu gewinnen.

Das Center for Usability Research & Engineering, kurz Cure, ist ein unabhängiges Forschungszentrum und, nach eigenen Angaben, auch eine der international führenden Organisationen im Bereich Usability Engineering und Human-Computer Interaction (Mensch-Maschine Kommunikation). Das Aufgabengebiet von Cure umfasst die Umsetzung benutzerfreundlicher Systeme durch Anwendung und Erweiterung von Usability Engineering Methodiken (wie geht man z. B. bei der Qualitätssicherung von Websites vor), die Nutzung und Erweiterung von qualitativem Know-how hinsichtlich Benutzbarkeit (z. B. welche Tastenanordnung bei einem Mobiltelefon ist benutzbarer als andere) sowie die Schaffung innovativer benutzungsorientierter Interaktionsumgebungen (z. B. Erarbeitung von innovativen Visualisierungstechniken für die Flugsicherheit). (DER STANDARD Printausgabe, 5. Juli 2006)

Share if you care.