Ein Rücktritt ohne Gesichtsverlust

10. Juli 2006, 20:32
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Wilhelm Beck hat der SPÖ eine Zerreißprobe erspart

Wien - Ein bisschen ähnelte Wilhelm Beck zuletzt Martin Luther, dem die Legende unterstellt, sein Beharren in Glaubensdingen mit dem Ausruf "Hier stehe ich, ich kann nicht anders"unverrückbar gemacht zu haben. Worauf der nun abgetretene interemistische FSG-Chef bestand, war von Anfang an klar: Das Gebot des weltlichen Herren über die Sozialdemokratie, das hohen Gewerkschaftern fürderhin den Sitz im Nationalrat verbietet, konnte der prinzipienfeste Gewerkschafter nicht vollziehen. Da mochte eher die Eisenbahn d'rüberfahren, wie sie es in der Person seines Nachfolgers letztlich auch tat.

Möglicherweise hat der 59-jährige Maschinenschlosser und Chemiefacharbeiter aus Wien der SPÖ mit seinem Rücktritt eine Zerreißprobe erspart. Mit seinem kategorischen Nein hatte Beck Parteichef Alfred Gusenbauer zu einer Kraftprobe herausgefordert, die ohne Gesichtsverlust nur noch mit einem völligen Rückzieher eines der beiden Kontrahenten zu bewältigen war. Als klar wurde, dass dieser aus auf der Hand liegenden Gründen nicht vom Parteichef zu ertrotzen war, handelte Beck dem Klischee vom sturen Gewerkschafter völlig zuwiderlaufend: Er verhandelte nicht, wollte nichts aussitzen, sondern nahm den Hut. Vielleicht zum Wohl der Partei und der FSG, sicher aber dem eigenen Seelenfrieden zuliebe: Beck kann für sich wenigstens in Anspruch nehmen, seine 1979 gestartete Gewerkschaftskarriere nicht mit einem Prinzipienverrat beendet zu haben. (kob, DER STANDARD, Print, 5.7.2006)

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