"Mr. Seven-to-Eleven" soll's richten

21. Juli 2006, 12:11
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Carlos Ghosn hat schon Nissans Milliardenschulden abgebaut

Vor drei Jahren drohte ein Schuldenberg von 20 Milliarden Dollar Nissan zu erdrücken. Als Retter in der Not kaufte sich Renault ein. Heute fährt Nissan wieder Gewinn ein. Der Erfolg hat einen Namen: Carlos Ghosn.

Als Renault 1999 überraschend für 5,4 Milliarden Dollar eine 37-prozentige Beteiligung bei Nissan kaufte und damit auch das operative Vetorecht, schien Ghosn für den Posten des radikal durchgreifenden Krisenmanagers an der Spitze des maroden Konzerns die ideale Besetzung. Ghosn, der in Brasilien als Sohn einer Französin und eines Libanesen geboren wurde, ist eine starke Führungspersönlichkeit. "Obwohl der Ruf des Cost Killers, der mir vorauseilte, eher abschreckend war, bekam ich keinerlei Ressentiments zu spüren", erinnert sich der 52-jährige Manager Ghosn. "Die Leute waren vor allem neugierig."

Drei Monate Zeit für den "Revival-Plan"

Mittlerweile hat er bei den Japanern einen neuen Übernamen: "Mr. Seven-to-Eleven". So werden die kleinen Gemischtwaren-Läden in Tokio genannt, die von morgens um sieben bis abends um elf durchgehend geöffnet sind. Das deckt sich in etwa mit einem normalen Arbeitstag des Nissan-Chefs. "Heute hat es keinen Platz mehr für Manager, die von den Mitarbeitern viel verlangen, ohne selbst viel zu geben."

Nur drei Monate Zeit gab er seinen Mitarbeitern nach seinem Amtsantritt für die Ausarbeitung des so genannten "Revival-Plans". "Ich wusste, das ist sehr knapp. Doch war und ist der Wille bei Nissan enorm, etwas zu verändern", sagt Ghosn. Die Maßnahmen des "Revival Plans"waren selbst für europäische Begriffe radikal: Schließung von drei Fabriken, Abbau von 21 000 Stellen oder 15 Prozent der gesamten Belegschaft, ein Kostensenkungsprogramm, das unter anderem die Halbierung der Zulieferer beinhaltet und somit auch vor der Auflösung von jahrzehntelangen Verbindungen nicht halt macht. Damit brach Ghosn in Japan praktisch mit allen Tabus der bisherigen Wirtschaftsordnung. "Ich hatte gar keine andere Wahl. Ich saß auf einer brennenden Ölplattform", sagt Ghosn.

Erfolg nach einem Jahr

Dessen waren sich auch die Japaner bewusst. Große Protestaktionen blieben aus. Selbst die Gewerkschaften zogen am Ende dann praktisch kritiklos mit. Auch sie hatten eingesehen: Ein Schuldenberg von 20 Milliarden Dollar verlangt nach drastischen Maßnahmen - doch um diese auch durchzusetzen, brauchte es einen Fremden. Dazu Ghosn: "Viele Sanierungsvorschläge waren bereits vorhanden, wurden aber nie ausgeführt. Ich hab die Leute immer wieder angespornt: Habt keine Angst vor neuen Ideen. Ich bin es, der sie durchsetzt." Bereits nach einem Jahr zeigte der "Revival-Plan" Wirkung. Im Geschäftsjahr 2000 erwirtschaftete Nissan mit 2,5 Milliarden Euro den höchsten Profit in der 70-jährigen Geschichte. Das Kunststück soll ihm nun auch bei GM gelingen. (red, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.7.2006)

  • Carlos Ghosn
    foto: epa/brown

    Carlos Ghosn

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