Geistesblitz: Handballer im Labor

11. Juli 2006, 20:14
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START-Preisträger Norbert Polacek untersucht Proteinfabrik

Um herauszufinden, welche Abschnitte in der DNA oder RNA für eine bestimmte Funktion oder einen Prozess in der Zelle notwendig sind, schlagen Genetiker und Molekularbiologen mit Mutagenese - eher willkürlich als gezielt - einzelne Bausteine der informationstragenden Sequenz k.o. Die Standardprozedur mit chemischen Substanzen oder Strahlung wirkt auf die natürlichen Bestandteile der beiden Nukleinsäuren, Nukleotide genannt. Danach wird - stark vereinfacht gesprochen - ein Umkehrschluss gezogen: Wenn es nicht mehr funktioniert, war das Nukleotid an der Stelle notwendig.

Norbert Polacek, ehemaliger Spitzenhandballer, Gruppenleiter am Biozentrum der Medizinischen Universität Innsbruck, hat mit seinem Team eine neue Methode etabliert, die es erlaubt, die drei Bausteine des katalytischen Zentrums in den Ribosomen, welches zu 100 Prozent aus RNA aufgebaut ist, stellenspezifisch chemisch zu modifizieren. Mithilfe der präzisen Methode können sogar einzelne Atome ausgetauscht werden. Ribosomen sind die "Proteinfabriken" in allen Zellen. Proteine wiederum verleihen Zellen und letztendlich dem Lebewesen Form und Funktionalität. Ribosomen entstanden bereits am "origin of life" und haben sich seither evolutionär bewährt.

Mit der hochpräzisen Methode und einem der fünf START-Preise des Wissenschaftsfonds möchte der Molekularbiologe Polacek einzelne funktionelle Gruppen an den Robotern und Fließbändern der Proteinfabrik austauschen und so mehr über die Produktion erfahren.

Schon zu Schulzeiten interessierte sich der Wiener für molekulare Details der Biologie. In die RNA-Genomik verschlug es ihn eher zufällig, "als ich einen Betreuer für die Diplomarbeit suchte, der kein Problem mit meiner parallelen Tätigkeit in der Forschung und im Handball-Spitzensport hatte". In der Wissenschaft wie im Sport hat der 1970 Geborene keine bestimmte Person als Vorbild, "eher haben mich Eigenschaften wie Begeisterungsfähigkeit, Zielstrebigkeit und eine gewisse Kompromisslosigkeit, gekoppelt mit Selbstironie, bei verschiedenen Menschen beeinflusst".

"Liebe zum Detail und hohe Frustrationsschwelle"

Molekularbiologen brauchen für ihre Arbeit "Liebe zum Detail und eine hohe Frustrationsschwelle, um die häufig auftretenden experimentellen Rückschläge verkraften zu können". Im November 2000 ging er in die USA, an das Center for Pharmaceutical Biotechnology der University of Illinois in Chicago. Der Stellenwert der Forschung in der Gesellschaft ist für ihn in den USA höher als in Europa. Der Aufenthalt in Übersee zeigte ihm aber auch, "dass ich mit meiner Ausbildung international mithalten kann - auch US-Labors kochen nur mit Wasser".

Nach fast drei Jahren zog es seine Frau und ihn zurück nach Europa, was primär nicht wissenschaftliche Gründe hatte. Auch wollte er nicht in einem Land leben, dessen Präsident in seiner Postdoc-Zeit zwei Kriege gestartet hatte, und nutzte ein Erwin-Schrödinger-Rückkehr-Stipendium des FWF.

Mit dem nun erhaltenen START-Preis gönnt er sich den Luxus, längere Zeit keinen Projektantrag schreiben zu müssen, wobei selbst eingeworbene Drittmittel "wichtig für die Stellung innerhalb der universitären Forschungslandschaft sind". Mit der finanziellen Flexibilität möchte er jetzt "Ideen experimentell angehen, die ich schon immer verfolgen wollte".

Für das ehemalige Mitglied der österreichischen Handball-Nationalmannschaft hat Sport einen hohen Stellenwert im Leben. In seiner Freizeit geht Norbert Polacek laufen, skifahren, mountainbiken und bergsteigen. Verheiratet ist der Ex-Leistungssportler mit einer Physiotherapeutin. Ihre gemeinsame Tochter ist vier Jahre und der Sohn drei Monate alt. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe, 5. Juli 2006)

  • Norbert Polacek
    foto: der standard

    Norbert Polacek

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