Gleichgewicht der Angst

13. Juni 2000, 09:25

Andrej Ivanji

Nur das Gleichgewicht der Angst erhält in Montenegro seit Jahren den Frieden. Nichts würde der Präsident Jugoslawiens, Slobodan Milosevic, lieber tun, als der in Montenegro stationierten jugoslawischen Armee den Befehl zu erteilen, den prowestlich orientierten montenegrinischen Präsidenten Milo Djukanovic zu entmachten. Aus zwei Gründen wagt er es nicht: weil er befürchtet, dass die mittlerweile gut ausgerüstete und ausgebildete montenegrinische Polizei einen zähen Widerstand leisten würde, und weil die Nato einem weiteren blutigen Feldzug Milosevic' wahrscheinlich nicht mit gekreuzten Armen zuschauen würde.

Djukanovic, der die von Milosevic beherrschte jugoslawische Regierung längst nicht mehr anerkennt, würde seinerseits am liebsten sofort die Unabhängigkeit Montenegros ausrufen, um die kleine Republik aus der erwürgenden Umarmung durch Serbien zu befreien. Djukanovic geht aber davon aus, dass Belgrad diesen radikalen Schritt nicht einfach so hinnehmen würde, und zögert deshalb, um ein mögliches Blutvergießen zu vermeiden. Obwohl Djukanovic von der EU und den USA unterstützt wird, hat sich die Staatengemeinschaft klar gegen weitere Grenzveränderungen auf dem Balkan ausgesprochen.

Die Kommunalwahlen in Podgorica und Herceg Novi haben das aktuelle Kräfteverhältnis in Montenegro gezeigt. Zwar hat Djukanovic mit seiner proeuropäischen Politik ein wenig dazugewonnen, doch der Mann Milosevic' in Montenegro, Momir Bulatovic, kann immer noch mit der Unterstützung von knapp vierzig Prozent der Montenegriner rechnen. Ausreichend, um mit der massiven Hilfe Belgrads sowie der Armee permanent die montenegrinische Regierung zu attackieren. Die Beziehungen zwischen Serbien und Montenegro sind untragbar. Die Stimmung in Montenegro ist nervös. Und wie schon beim Zerfall des ehemaligen Jugoslawien schaut die EU unschlüssig zu.

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