Die Rollen des Herrn Raymond

5. Juli 2006, 10:27
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Domenech ist einer der schillerndsten Team­chefs: "Fußball ist wie Theater. Die Proben werden nicht kritisiert, die Uraufführung zählt"

München - Vor neun Jahren hat Raymond Domenech in einer TV-Fernsehserie mitgespielt. Ihm wurde nicht unbedingt die Hauptrolle gegeben, aber doch eine recht tragende. Mit richtig langen Sätzen und wechselnden Gesichtsausdrücken, einmal schaute er böse bis zornig drein, dann wieder sanft bis betörend. Domenech verkörpert das, was man salopp einen "feschen Kerl"nennt, grau meliertes Haar und dunkle Augenbrauen kommen immer gut rüber. Schauspielunterricht hatte er bereits als Maturant genommen, das unterscheidet ihn von Hansi Hinterseer.

Dummerweise wurde das Ding nie ausgestrahlt, das französische Fernsehen zensurierte sich selbst. Vermutlich war der Mehrteiler grottenschlecht, damals hatte man wenigstens noch Respekt vorm Gebührenzahler. Domenech soll aber nicht übel gewesen sein, fürs Drehbuch konnte er wirklich nichts. Neun Jahre später ist er als Teamchef zumindest mitverantwortlich dafür, dass Frankreich gegen Portugal um den Einzug ins WM-Finale kickt. Dieser Entwurf stammt eindeutig von Domenech.

Unberechenbar

"Er ist ein netter, charmanter, sozial engagierter, gebildeter Kerl. Und vor allem ist er clever", sagt Alain De Martignac, Reporter bei France Football. Die beiden kennen sich seit mehr als 30 Jahren, hin und wieder waren sie gemeinsam Abendessen, das wurden dann oft Frühstücke. "Man kann mit ihm stundenlang diskutieren. Andererseits ist er unberechenbar, er neigt zum Sarkasmus und zur Ironie, spielt mit den Medien, macht sich gerne unbeliebt. Er weicht aber von seinem Weg nie ab."Ein wenig erinnere er an Jürgen Klinsmann. "Der französische Verband hat das Viertelfinale als Ziel vorgegeben, Raymond sprach aber immer nur vom 9 Juli."

Domenech wurde im Jänner 1952 in Lyon geboren, er ist katalanischer Abstammung, sein Vater war während der Franco-Diktatur aus Spanien geflohen. Das hat den Buben geprägt, politisch bezeichnet er sich als links von der Mitte. Als der Rechtsradikale Jean-Marie Le Pen dieser Tage gemeint hatte, die Spieler, vor allem jenen mit afrikanischen Wurzeln, würden sich mit ihrem Heimatland nicht identifizieren, wurde Domenech ziemlich unwirsch. "Der Mann soll ruhig sein."

Als 18-Jähriger bestritt er sein erstes Ligaspiel für Lyon, er war ein kompromissloser Verteidiger, natürlich an der linken Seite, acht Teameinsätze folgten. Rote Karten wurden quasi sein wöchentliches Brot, er musste oft nur schief schauen, und schon war er geduscht. Aber natürlich war ab und zu auch ein richtiges Foul dabei. 1984 wurde er Trainer, zunächst beim FC Mulhouse, dann wechselte er zu Olympique Lyon, um 1993 vom Verband als Verantwortlicher für den Nachwuchs verpflichtet zu werden. Domenech kennt Zidane, Henry oder Vieira aus einer Zeit, als sie noch hoch begabte Buben waren.

Keine Umwege

2002 hätte er nach der desolaten WM Teamchef werden sollen, ihm wurde aber Jacques Santini vorgezogen. Domenech ist zu den Verhandlungen im Leiberl erschienen, zwei Jahre und eine bescheidene EM später trug er dann einen Anzug. Das war vielleicht sein einziger Kompromiss. "Ich bin kein Taktierer, ich hasse Umwege. Ich mag keine Menschen ohne Höhen und Tiefen, Gleichförmigkeiten stoßen mich ab. Aber ich verstehe durchaus, wenn mich manche Leute hassen."

Domenech ("im Fußball kommt es auf die Taktik an") wird ein gespaltenes Verhältnis zu einigen Spieler nachgesagt. Zidane nennt ihn öffentlich nie beim Namen, spricht vom "Trainer". Nach dem 1:0 gegen Brasilien haben sich die beiden aber doch geherzt. "Fußball ist wie Theater. Da werden auch nicht die Proben kritisiert", sagt Domenech und mimt den Schelm. "Weltmeister wird man nicht in der Gruppenphase, die Uraufführung findet am 9. Juli in Berlin statt."Die wird vom französischen Fernsehen gesendet. (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 05.07.2006)

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    Domenech kann schauspielern, seine Uhr in die Luft werfen und fangen und französische Kicker ins Halbfinale führen.

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