Die Bank Ihres Vertrauens

11. Juli 2006, 20:14
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Biobanken stellen eine der wichtigsten Ressourcen für die medizinische Forschung des 21. Jahrhunderts dar. Die Skepsis ist trotzdem groß.

Biobanken stellen eine der wichtigsten Ressourcen für die medizinische Forschung des 21. Jahrhunderts dar. Die Gesellschaft steht ihnen trotzdem einigermaßen skeptisch gegenüber. In Graz, wo man gerade eine der weltweit größten Gewebesammlungen aufbaut, will man die Fehler anderer Biobanken vermeiden.

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"Eine Biobank ist keine Briefmarkensammlung", sagt Kurt Zatloukal. Der Professor am Instituts für Pathologie an der Medizinischen Universität Graz muss es wissen, baut er doch mit der "Genome Austria Tissue Bank" gerade eine der weltweit größten medizinischen Gewebesammlungen in Österreich auf. "Im Unterschied zu den Briefmarken geht es darum, an diesen Gewebsproben zu forschen. Und dafür müssen sie entsprechend aufbereitet werden."

Dass ausgerechnet in der Steiermark eine auch im internationalen Maßstab große Biobank entsteht, hat mit der Geschichte der Medizin in Graz zu tun. "Das hiesige Institut für Pathologie wurde 1911 erbaut und war ursprünglich für die gesamte Steiermark und Teile der österreichisch-ungarischen Monarchie bis zur Adria zuständig. Und so kam über die Jahrzehnte eine beeindruckende Sammlung zusammen", erzählt Zatloukal, der als Erster deren enormen Wert erkannte.

"Bevor ich 1993 zurück ans Institut kam, hat man aus Platzgründen immer wieder ganze Ladungen von Gewebsproben einfach entsorgt." Dennoch haben sich bis heute rund drei Millionen in Paraffin konservierte Gewebsproben erhalten, die in den letzten Jahren elektronisch erfasst und in eine Datenbank überführt wurden. Zu diesem Grundstock der "Krankheitsbank" in Graz kommen noch 28.000 in flüssigem Stickstoff gelagerte Proben aus jüngerer Zeit.

Trotz ihrer Größe ist die "Genome Austria Tissue Bank" vergleichsweise billig: Zatloukals Projekt wurde von der österreichischen Genomforschungsinitiative GEN-AU in einer ersten Tranche mit 1,1 Millionen Euro und in einer zweiten mit 1,7 Millionen gefördert. Im internationalen Vergleich ist das ein Klacks: In Japan investiert man mehr als 200 Millionen in eine nationale Biobank. Das vergleichbare Projekt in Großbritannien, die UK Biobank, wird ca. 90 Millionen kosten. In Estland ist man mit einem ehrgeizigen Projekt überhaupt an die finanziellen Grenzen gestoßen.

"Im Moment scheint der Staat die Biobank durch eine großzügige Finanzspritze noch retten zu wollen", sagt Herbert Gottweis. "Aber die Zukunft ist völlig ungewiss." Der Politikwissenschafter forscht in Kooperation mit Zatloukals Team aus sozialwissenschaftlicher Perspektive über Biobanken (siehe Interview), um beim Grazer Projekt jene Fehler zu vermeiden, die anderswo begangen wurden.

Wie zum Beispiel in Island. Das internationale wohl bekannteste Biobankprojekt wurde vor acht Jahren von der Biotech-Firma deCode und dem isländischen Staat in Angriff genommen: Die Gesundheitsdaten aller Isländer sollten in einer Health Sector Database gespeichert werden - ohne dass Patienten dazu ihre Einwilligung gegeben hätten. Ein entsprechendes Gesetz wurde im Dezember 1998 verabschiedet, was zu heftigen Protesten führte.

"deCode muss für die damalige Protestbewegung überaus dankbar sein", meint Skúli Sigurdsson. Der isländische Wissenschaftshistoriker, zurzeit Gastprofessor an der Universität Wien, hat die Geschichte rund um das Biobankenprojekt der Firma deCode von Beginn an gleich akribisch wie kritisch verfolgt. "Die Health Sector Database wurde auch wegen des Widerstands der Ärzteschaft und der Bevölkerung sowie einigen anderen Gründen nämlich nie verwirklicht - zum Glück für die Firma", so Sigurdsson: "Denn hätte deCode das gemacht, dann wären sie heute wahrscheinlich pleite."

Fehler vermeiden

Beim Grazer Projekt will man jedenfalls solche Fehler vermeiden. "Wir setzen auf Offenheit, Freiwilligkeit, Anonymität", erklärt Kurt Zatloukal. Solche Einverständniserklärungen werden in Österreich auch nötig sein. Denn wie die letzte europäische Umfrage in Sachen Biotechnologie ergeben hat, ist man hier zu Lande besonders zurückhaltend, wenn es darum geht, medizinische Daten auch in einer Datenbank der Forschung zur Verfügung zu stellen. Während in Skandinavien und den Niederlanden 70 Prozent der Bevölkerung dazu bereit wären, sind es in Österreich nur 37 Prozent, was uns zu negativen Spitzenreitern macht und umgekehrt den Aufklärungs- und Informationsbedarf unterstreicht.

Dabei stellen Biobanken eine unumgängliche Ressource für medizinische Forschung im 21. Jahrhundert dar. "Beim Human Genome Project der Achtziger- und Neunzigerjahre war man noch davon ausgegangen, dass man alles über Krankheiten wissen würde, wenn man erst das Genom identifiziert hat", meint Gottweis. Damals habe man monokausal und genetisch deterministisch argumentiert.

Mittlerweile weiß die Medizin, dass die meisten Krankheiten auch von den Umweltbedingungen abhängig sind und individuell verschiedene Ursachen und Ausprägungen haben können. "Genau da kann man mit dem Datenmaterial von Biobanken ansetzen", erklärt Kurt Zatloukal. "Wenn man Erkrankungen nämlich individuell verstehen will, dann muss man viele verschiedene Untergruppen und Verlaufsformen ein und derselben Krankheit vergleichen können", wie der Pathologe am Beispiel Brustkrebs erklärt, dessen zahllose Untergruppen die richtige Diagnose und Behandlung erheblich erschweren.

Besseres Diagnostik

Wenn man nun aber, so wie in Graz, über eine der größten Sammlungen von Brustkrebsgewebe verfügt, lassen sich die individuellen Ausprägungen der Krankheit viel besser diagnostizieren. Das langfristige Ziel, das mit den Forschungen am Material von Biobanken erreicht werden soll, ist eine patientenspezifische, individuell abgestimmte Medizin. Das macht Biobanken umgekehrt aber auch zu einem gesellschaftlich so sensiblen Bereich, wie sich Kurt Zatloukal sehr wohl bewusst ist: "Ich kenne keinen Forschungsbereich, wo Patienten aktiver und direkter eingebunden wären."

Bis zur Entwicklung maßgeschneiderter Medikamente ist es in den meisten Fällen noch ein weiter Weg, den die Medizin nur gemeinsam mit der Gesellschaft gehen kann. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 5. Juli 2006)

  • Damit man’s hat, wenn man’s braucht: Ein Sparkonto bei der Biobank.
    grafik: der standard/walli höfinger

    Damit man’s hat, wenn man’s braucht: Ein Sparkonto bei der Biobank.

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