Nachlese: "Gelöst ist die nationale Frage nie"

7. Juli 2006, 12:23
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Vor den Wahlen kämpften die Albanerparteien regelrecht um Territorium

"Ich soll für Groß-Albanien sein?" Arben Xhaferri lächelt, etwas spöttisch vielleicht, vielleicht auch nur, weil es die einzige Regung ist, die sein krankhaft erstarrtes Gesicht noch hergibt. "Das kommt wohl davon, dass die Leute in den Zeitungen immer nur die Überschriften lesen." Mag sein. Aber was zum Beispiel meint der Mann, wenn er hier, im Dreiländereck von Mazedonien, Albanien und dem Kosovo, einen "Raum mit offenen Grenzen" will? Spricht so ein Weiser mit europäischer Vision? Oder ein Extremist?

Wir sitzen am Hauptplatz von Tetovo, in einem kleinen Raum. Draußen wird jetzt wieder fast täglich geschossen. Man muss schon in die Büros gehen, denn in den Straßen wird über Politik nicht geredet. Sichtbar wird die Angst vor den Läden an der Hauptstraße: Alle Inhaber haben doppelt ausgeflaggt, das blaue Fähnchen der regierenden Albanerpartei, das rote der oppositionellen von Xhaferri.

Heiß her geht es vor allem in den Dörfern um Skopje, wo die Parteien regelrecht um Territorium kämpfen. Am heftigsten im Dorf Rasce, wo die "Blauen"mit einem bulligen Geländewagen eine Versammlung der "Roten"aufmischten - oder, wenn man lieber der anderen Version glaubt, unversehens in eine "rote"Versammlung gerieten, die darauf in Lynchstimmung kam.

Konsensmodell

"Nein", sagt Arben Xhaferri. "Es geht nicht um Groß-Albanien. Es geht darum, wie man einen multinationalen Staat organisiert." Nicht nur in Mazedonien mit seinen 64 Prozent Mazedoniern und 25 Prozent Albanern, sondern überall auf dem Balkan. "Wir brauchen ein Konsensmodell", sagt Xhaferri und beruft sich dabei auf den niederländisch-amerikanischen Politik-Philosophen Arend Lijphart, der Einvernehmen und nicht Mehrheitsentscheidungen für den Kern der Demokratie hält: Nicht eine Partei soll die andere von der Macht vertreiben, sondern alle regieren immer mit - wie in der Schweiz.

Auf dem Weg an den großen runden Tisch ist Mazedonien tatsächlich vorangekommen, seit Xhaferris Partei vor acht Jahren in die Regierung kam. Nur besonders schweizerisch ist das Land nicht geworden. Zuerst wurde privatisiert: zwei Drittel an Mazedonier, ein Viertel an Albaner, der Rest für die Übrigen. Aber nicht "die Albaner"profitierten, sondern bloß einige - vorwiegend die Parteigänger Xhaferris. "Gelöst ist die nationale Frage nie", sagt Arben Xhaferri, der Denker von Tetovo, bei dem Weisheit und Extremismus so nahe beieinander liegen. "Sie wird immer neu ausgehandelt." (Norbert Mappes-Niediek aus Tetovo, DER STANDARD, Print, 5.7.2006)

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    Anhänger der Demokratischen Partei der Albaner von Arben Xhaferri bei einer Kundgebung in Tetovo.

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