Korrektur für Rohstoff-Aktien

18. Juli 2006, 16:24
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Die jüngste Börsenkorrektur hat in Kanada Rohstofftitel hart getroffen. Experten rechnen im kommenden Jahr mit einigen Gewinnwarnungen

Toronto-Die Goldene Ära der kanadischen Börse TSX in Toronto scheint vorläufig vorbei. Nach der Korrektur im Juni, bei der vor allem die kanadischen Rohstoffwerte deutlich unter Druck gekommen waren, rechnen Experten für die kommenden sechs bis neun Monate mit einem volatilen Aktienmarkt. Clement Gignac, Chefstratege von National Bank Financial in Montreal, erwartet, dass der S&P/TSX-Composite-Index bis Jahresende auf 10500 Punkte fallen dürfte. Im Moment notiert der Index noch bei 11.612,87 Punkten.

Bei der jüngsten Korrektur hatte der Index seit dem Höchststand am 19. April 2006 bis zum 22. Juni rund 12 Prozent verloren. Obwohl sich die kanadische Börse seither wieder etwas erholt hat, sind Anleger und Marktexperten vorsichtig geworden. In Gignacs Augen haben die Gewinne von kanadischen Rohstoff-Firmen ihren Gipfel erreicht: "Ich glaube, dass deren Gewinnerwartungen zu hoch veranschlagt sind."Gignac weiter: "Es wird wahrscheinlich Gewinnwarnungen für 2007 und 2008 geben."

Verletzlichkeit bloßgelegt

Die jüngste Korrektur sei überfällig gewesen. Es habe zuvor 959 aufeinander folgende Börsentage an der TSX ohne größere Korrektur gegeben - laut Gignac die längste Phase in 35 Jahren. In den vergangenen drei Jahren hatte der Börsenindex von Toronto durchschnittlich 21 Prozent pro Jahr zugelegt, dies vor allem dank der Rohstoffaktien wie Erdöl, Naturgas, Zink, Kupfer, Nickel, Gold. Die Korrektur im Juni hat aber die Verletzlichkeit der TSX bloßgelegt - die Rohstofftitel machen rund 45 Prozent des Indexes aus. Allerdings zogen die Kurse von Aktien wie Inco (Nickel), EnCana (Schwergewicht Erdgas) und Nexen (Erdgas, Erdöl, Chemie) nach der Korrektur erstaunlich schnell wieder an.

Investoren und Wirtschaftsexperten rechnen zunehmend mit einer Verlangsamung der globalen Wirtschaft, nachdem die US-Notenbank Fed am 10. Mai begann, sich auf Inflationsrisiken zu konzentrieren und andere Zentralbanken folgten. Auch in Kanada fürchten Investoren, dass die Zinsen weiter steigen könnten, denn die boomende Wirtschaft in der Erdölprovinz Alberta erzeugt Inflationsdruck auf das gesamte Land. Zudem leiden einige Exportsektoren unter dem starken kanadischen Dollar, der bei rund 90 US-Cents notiert, so hoch wie seit 28 Jahren nicht mehr. Das verteuert kanadische Produkte im Ausland. Im vergangenen Jahr gingen die Exporte von Autos - die Autozulieferindustrie (darunter der Konzern Magna International) ist nach den Erdölprodukten der zweitwichtigste Exportzweig Kanadas - wertmäßig um 8,4 Prozent zurück. Auch die Holzindustrie (Unternehmen wie Canfor) kämpft mit den Folgen eines starken kanadischen Dollar.

Niedriger Erdgaspreis belastet

Im Energiesektor machen sich derweil die Folgen der gesunkenen Erdgaspreise bemerkbar. "Kanadische Energiefirmen haben rund 15 Milliarden Dollar weniger zum Ausgeben wegen der schwachen Erdgaspreise und des festen kanadischen Dollars", erklärte Greg Bay von Cypress Capital Management in Vancouver.

Bei den Erdölfirmen fallen rasant steigende Kosten immer mehr ins Gewicht, etwa für den Bau neuer Anlagen, für ausgebildete Arbeitskräfte in Kanada, die immer schwieriger zu finden seien, und für die Energie, die es für den Produktionsprozess braucht. Das erzeuge Druck auf den Cashflow, auf die Gewinnspanne und auf die Rendite. Gleichzeitig wächst die Zahl jener Energieexperten, die den hohen Erdölpreis nicht für dauerhaft halten.

Überbewertet

Nach dem jüngsten Börsengewitter rückt bei vielen Anlegern die Tatsache ins Bewusstsein, dass viele Aktien im kanadischen Energiesektor stark überbewertet sein dürften. "Ich gehe davon aus, dass europäische und amerikanische Qualitätsaktien großer Unternehmen - nicht Rohstoff- oder zyklische Titel - in den kommenden 12 bis 18 Monaten kanadische Aktien übertreffen werden", sagt Gignac.

Manche kanadische Experten halten jedoch die Korrektur an der Börse in Toronto nur für ein vorübergehendes Phänomen. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.7.2006)

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