Die Trafalgar-Schlacht um Tauben

7. Juli 2006, 09:35
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Londons Tierfreunde dürfen jeweils nur noch zehn Minuten lang die Vögel füttern

Was dem Buckingham-Palast seine Bärenfellmützen, sind dem Trafalgar Square seine Tauben. Fliegende Wahrzeichen, sagen die einen. Ratten mit Flügeln, wettert Ken Livingstone, der Londoner Bürgermeister mit bekannt deftiger Sprache. Ginge es nach dem Roten Ken, wäre der berühmte Platz längst eine südländische Piazza, ein Bummelparadies mit Bühnen und Cafés im Freien.

Nur morgens füttern

Schöne Pläne, nur reiben sie sich an einer Macht: an der geradezu närrischen Tierliebe der Briten. Nach Landessitte kann eine solch delikate Konstellation eigentlich nur eines nach sich ziehen – einen Kompromiss, haarfein austariert: Okay, die Vögel dürfen gefüttert werden, aber nur zehn Minuten lang und auch das nur am Morgen.

Man kann die Uhr stellen nach Brian Jacobs von der Initiative „Save the Trafalgar Square Pigeons“. Ein schläfriger Samstag, 7.25 Uhr, kein Mensch verirrt sich so früh zum Trafalgar Square, doch auf Jacobs, dieses Muster an Disziplin, ist Verlass. Auch die Tauben scheinen es zu ahnen. Sie warten schon. Ein dichter grauer Pulk, tausende Exemplare, die sich an der Nordseite des Platzes versammeln. Die Szene erinnert an Alfred Hitchcocks „Die Vögel“. Schlag halb acht rieseln die ersten Körner aufs Pflaster. Dann bewegen sich die Helfer solange im Kreis, bis die Säcke leer sind und Londons geografische Mitte um vierzig Kilo englischen Weizens bereichert ist. Irgendwann sind die Vögel satt, eine Kehrmaschine dreht surrende Runden, Jacobs ist zufrieden.

Futterhandel verboten

Es sind ja nicht irgendwelche Tauben, um die es hier geht. Es sind Tauben, deren Fotos zigtausendfach in Urlaubsalben kleben; schwungvoll auf dem Arm der Tochter landend oder auch auf dem Dutt der zu Tode erschrockenen Frau Mama. „Was für ein schöner Anblick“, schwärmt der Tierfreund.

Das hat Livingstone freilich schon immer anders gesehen. Ihn stört das Hygieneproblem, der Taubendreck. Kaum im Amt, entzog er dem letzten Vogelfutterhändler beim Trafalgar Square resolut die Lizenz. In der Folge ließ der „Mayor“ Industriestaubsauger gegen den Taubenmist auffahren; Jacobs behauptet, dass sie auch lebendige Tiere angesaugt hätten. Man sprach vom Taubenkrieg, der zweiten Schlacht von Trafalgar.

72 Euro Bußgeld

Nach zähem Verhandeln schloss Livingstone widerstrebend ein Abkommen mit den Vogelfans, sodass die ihre Lieblinge nun doch versorgen durften. Aber, wie gesagt, nur zehn Minuten am Morgen, wobei die Körnermenge stufenweise abnehmen soll. Doch nicht jeder Tierliebhaber hält sich so gewissenhaft an Paragrafen wie Brian Jacobs. Die „Pigeon Action Group“ zum Beispiel streut auch nachmittags Körner. Jedes Mitglied riskiert umgerechnet rund 72 Euro Bußgeld.

„So war das nicht abgemacht“, lässt Livingstone verkünden. „Die Dinge geraten außer Kontrolle, aber wir schauen nicht tatenlos zu.“ Es klingt, als ginge der Große Taubenkrieg in seine zweite, entscheidende Phase. (Frank Herrmann, DER STANDARD Printausgabe, 05.07.2006)

  • Londoner Tierfreunde füttern auf dem Trafalgar Square die Tauben
    foto: frank herrmann

    Londoner Tierfreunde füttern auf dem Trafalgar Square die Tauben

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