Nervenkrieg nach Ende der Frist

6. Juli 2006, 06:34
2 Postings

Ultimatum der Entführer ohne Reaktion vonseiten Israels abgelaufen - Weiteren Absichten der Geiselnehmer und Schicksal des israelischen Soldaten ungewiss

Ohne sichtbare Folgen verstrich Dienstag Früh das Ultimatum, das die Entführer des israelischen Soldaten Gilad Shalit 24 Stunden zuvor gestellt hatten. Während die radikalen Palästinensergruppen signalisierten, dass sie nun alle Kontakte abbrechen und alle Informationen sperren würden, hieß es zugleich, dass der Soldat nicht getötet werden sollte und dass Ägypten seine Vermittlungsanstrengungen verstärkt.

Die Israelis hatten von vornherein keinen Zweifel daran gelassen, dass sie das Ultimatum ignorieren würden, und schärfste Warnungen für den Fall ausgesprochen, dass dem Soldaten etwas angetan würde. "Niemand soll glauben, dass eine Entführung ein Mittel ist, um Israel in die Knie zu zwingen", bekräftigte Premier Ehud Olmert gestern in einer Rede in Südisrael. Würde sich Israel "der Erpressung beugen", dann "würden wir morgen und übermorgen viele Bürger gefährden, die Ziele solcher Entführungen sein werden".

Psychologische Kriegsführung

Um das Schicksal der Geisel und die Absichten der Entführer gab es ein Verwirrspiel, das offenbar Teil der psychologischen Kriegsführung war. "Ob der Soldat getötet wird oder nicht", darüber werde es keine Informationen geben, teilte Abu al-Muthana, ein Sprecher der bis zu der Entführung unbekannten "Islam-Armee", Nachrichtenagenturen mit, fügte aber später hinzu, dass der Soldat nicht getötet werden soll, "falls er noch lebt", weil das islamische Gesetz es verbiete, Gefangene umzubringen. Die "Islam-Armee" hatte sich zusammen mit dem militärischen Flügel der Hamas und den "Volkswiderstandskomitees" zur Entführung Shalits bekannt.

Der Hamas-Funktionär Osama al-Musaini wiederum behauptete, die Entführer hätten die Gespräche mit den ägyptischen Vermittlern abgebrochen und könnten Shalit nun "töten, ihn in ein anderes Land bringen oder ihn verstecken – alle Optionen sind offen".

"Gespräche laufen"

Ägyptischen Erklärungen war indessen zu entnehmen, dass es sehr wohl noch Verhandlungen gäbe. Man arbeite an einem Geschäft, das die Freilassung des israelischen Soldaten und palästinensischer Gefangener sowie den Abbruch der israelischen Militäroperation einschließe, sagte Mohammed Bassiuni, ein früherer ägyptischer Botschafter in Tel Aviv, der arabischsprachigen BBC.

Der arabischen Zeitung Al-Hayat zufolge gab es einen Vorschlag, wonach Shalit nach Ägypten oder Frankreich gebracht würde und die Palästinenser ihre Raketenangriffe stoppen würden, im Gegenzug würde Israel Gefangene freilassen und die "gezielten Tötungen" einstellen. Der palästinensische Ministerpräsident Ismail Haniyeh rief die Geiselnehmer dazu auf, das Leben des jungen Mannes zu schützen. Zugleich forderte der Hamas-Minister verstärkte Anstrengungen für eine diplomatische Lösung der Geiselkrise.

Im Gelände ging es gestern ähnlich weiter wie in den Tagen zuvor. Im nördlichen Gazastreifen beschränkten sich kleine israelische Panzer- und Infanterieeinheiten nach wie vor auf "punktuelle Aktionen", bei denen auf der palästinensischen Seite des Grenzzauns nach Tunneln und Sprengkörpern gesucht wurde. Israelische Panzer drangen tiefer in den Gazastreifen vor.

Das regelmäßige Artilleriefeuer der Israelis konnte nicht verhindern, dass Palästinenser am Vormittag vier Kassam-Raketen abfeuerten. In der Nacht hatten die Israelis aus der Luft den Campus der Islamischen Universität in Gaza beschossen – der Ort werde "von der Terrororganisation Hamas benützt, um Terrorattacken gegen Israel zu planen", hieß es in der Begründung. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.7.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Niemand soll glauben, dass eine Entführung ein Mittel ist, um Israel in die Knie zu zwingen", bekräftigte Premier Ehud Olmert (im Bild zwischen Generalstabschef Dan Halutz und Verteidigungsminister Amir Peretz).

Share if you care.