Präsident Malik geht es ums Prinzip

6. Juli 2006, 19:28
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Wilhelmine Goldmann soll wegen ihrer Arbeit für die Opernwerkstatt Wien nicht entlassen, aber verwarnt werden

Wien – Vor der am Donnerstag stattfindenden außerordentlichen Aufsichtsratssitzung der ÖBB-Personenverkehr AG standen die Zeichen in der ÖBB-Zentrale auf dem Wienerberg auf Deeskalation.

Eine fristlose Entlassung von Nahverkehrschefin Wilhelmine Goldmann galt am Dienstag in Aufsichtsratskreisen zwar als nicht ausgeschlossen, wohl aber als sehr unwahrscheinlich. Dem Vernehmen nach muss sich Goldmann für ihr Engagement beim gemeinnützigen Verein "Opernwerkstatt Wien" auf eine Verwarnung einstellen.

Frage der Optik

Darauf wollte sich Personenverkehr-Aufsichtsratspräsident Fredmund Malik am Dienstag noch nicht festlegen. Ihm geht es weniger um das Ausmaß des Schadens (Goldmann hat ÖBB-Betriebsmittel wie Telefon, Fax, Kopierer und Arbeitszeit von ÖBB-Mitarbeitern in Anspruch genommen, Anm.), sondern um eine "Prinzipfrage" und um die "Optik nach innen und außen", wie der Managementberater des Managementzentrums St. Gallen von der APA zitiert wird.

Bewerten müsse man laut Malik sowohl rechtliche Aspekte als auch die Einhaltung der Unternehmensführungsregeln (Corporate Governance). Da die ÖBB nach wie vor von öffentlichen Geldern abhängig sei, in den nächsten Jahren tausende Stellen abbauen und überall sparen müsse, müsse der Vorstand ein "uneingeschränktes Vorbild" sein. Vom Vorstand erwarte man, dass er "persönliche Ziele hintanstellt und sich hundert Prozent in den Dienst der Sache stellt".

Dem stimmen zahlreiche ÖBB-Aufsichtsräte zu. Angesichts der Tatsache, dass sich Goldmann nicht persönlich bereichert, sondern einen gemeinnützigen Kulturverein unterstützt habe, halten sie derart strenge Maßstäbe allerdings für unverhältnismäßig. Vor allem eine fristlose Entlassung stößt auf Widerstand. Offiziell zu Wort melden wollte sich dazu am Dienstag freilich niemand.

"Das ist ja lächerlich"

Oskar Grünwald, langjähriger ÖIAG-Chef und OMV-Aufsichtsratspräsident schon. Er regt an, im Sinne der Fairness auch gleich die private Wertpapierdisposition, die nicht wenige Vorstände von ihren Mitarbeitern durchführen ließen, als Entlassungsgrund zu werten. Bei der vorzeitigen Ablöse von ÖBB-General Rüdiger vorm Walde habe Geld keine Rolle gespielt, beim privaten Kulturengagement, das der Öffentlichkeit diene und kulturpolitisch wichtig sei, auf einmal schon. "Das ist ja lächerlich", sagte Grünwald im STANDARD-Gespräch. Er erinnerte an Margarete Ottilinger, der Wien die Wotruba-Kirche verdanke. Sie habe dafür auch vom Büro aus telefoniert.

Ausgerückt sind am Dienstag auch Wiens Bürgermeister Michael Häupl und Verkehrsstadtrat Rudolf Schicker. "Notenblätter zu kopieren, scheint mir nicht so großartig verwerflich zu sein für ein Vorstandsmitglied", sagte der Bürgermeister. "Wenn sonst nichts ist, verstehe ich die Sache nicht." Er habe Goldmann als "sehr ordentliche Fachfrau" kennen gelernt. Sollte die ÖBB-Spitze in dieser Hinsicht anderer Meinung sein, sollte dies offen gesagt werden, betonte Häupl.

Schicker untermauerte dies mit aktuellem Zahlenmaterial: Im Zuge einer informellen Abstimmungsrunde der Länder zur Reform des Öffentlichen Personennah- und Regionalverkehrs am 29. Juni in St. Pölten sei auch die fehlende Ausfinanzierung der Kosten des Personennahverkehrs ein Thema gewesen. "Hier bestätigte der Bund gegenüber den Ländern, dass nun doch ein Fehlbetrag von 150 Millionen Euro besteht", bestätigt Schicker die Finanzierungslücke, vor der Goldmann immer gewarnt hatte. Das Sägen an Goldmanns Sessel sei also eindeutig "politisch motiviert". (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.7.2006)

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