Erneuern durch Verpacken

13. Juni 2000, 12:05

Jeanne-Claude und Christo sind 65

New York - Gemeinsam sind sie unschlagbar: Christo, der ruhige Künstler und Jeanne-Claude, die quirlige Geschäftsfrau. "Christo ist der Motor, ich bin sein Gaspedal", sagte Jeanne-Claude einmal. Am 13. Juni feiern beide ihren 65. Geburtstag. Das Schicksal scheint die beiden füreinander bestimmt zu haben. Sie wurden im selben Jahr am selben Tag geboren, Jeanne-Claude in Marokko, Christo in Bulgarien.

1958 trafen sie sich in Paris, als der Jungkünstler sein Geld noch mit Porträts verdiente und eines Tages Jeanne-Claudes Mutter malte. Schon damals hegte er eine Leidenschaft für das Verhüllen; allerdings verpackte er zunächst in kleinem Stil: Stühle, Instrumente, Verkehrszeichen.

Kampf um Anerkennung an seiner Seite

Die französische Generalstochter, eine kämpferische Frau, die sich nicht aufs Inspirieren beschränkt, wurde seine Muse. Stets treten die beiden gemeinsam auf; wer sie in ein Gespräch nicht mit einbezieht, wird zurechtgewiesen. Jeanne-Claude musste lange um die Anerkennung an Christos Seite kämpfen. Ohne ihren Geschäftssinn und ihre Energie hätten die meisten Projekte wohl nie realisiert werden können. Die resolute Rothaarige erstritt sich ihren Platz: Rückwirkend für 37 Jahre wurden die Urheberrechte für ihr beeindruckendes Lebenswerk geändert. Seitdem gibt es endgültig nur noch ein "wir".


Valley Curtain 1972

Projekte

1969 verhüllten die Künstler ein ganzes Stück australischer Felsenküste, spannten 1976 einen 40 Kilometer langen Nylon-Zaun quer durch Kalifornien und machten 1993 elf Inseln vor Miami mit rosa Plastikhüllen zu überdimensionalen Seerosen. Berühmt wurde auch das "Umbrella Project", bei dem sie nahe Los Angeles 1760 gelbe Sonnenschirme aufspannten, während sich zur gleichen Zeit auf japanischen Reisfeldern 1360 blaue Schirme öffneten. Unvergessen für alle Deutschen bleibt die Verhüllung des Reichtages: 24 Jahre lang planten Christo und Jeanne-Claude - 1995 war es endlich soweit.


Reichstag 1995

Finanzierung ohne Sponsoring

Ihre Projekte finanzieren die beiden ausschließlich durch den Verkauf von Vorstudien. Sponsoren stehen zwar Schlange, haben aber haben aus Gründen der künstlerischen Freiheit keine Chance. Bücher und Videos, die die Entstehung der Aktionen dokumentieren - von ersten Zeichnungen über Parlamentsdebatten bis zu Materialtests - zahlen sie auch oft selbst. Die Realisierung ihrer Projekte bringt Christo und Jeanne Claude keine Einnahmen, doch die Kosten sind immens. Allein die japanisch-amerikanischen Schirme verschlangen 26 Millionen Dollar.


he Pont Neuf Wrapped 1985
Erneuern der Dinge

Durch das Verhüllen von Objekten wollen Christo und Jeanne-Claude deren Wert vorführen und mit der anschließenden Enthüllung eine Erneuerung des Gegenstandes und seiner Inhalte erreichen. Derzeit tüftelt das Duo in New York an seinem neuen, 20 Jahre geplanten Vorhaben "The Gates". Der Central Park soll mit 150 Toren verschönt werden, die mit Stoff behängt sind. "Bei Wind berühren sich die Stoffteile und bilden ein einziges schwingendes Dach", erklärt Jeanne-Claude. "Verglichen mit der Verhüllung des Berliner Reichstags sind das viel größere Dimensionen", meint Christo.

(APA/dpa)

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