Kolportierter Streitwert: 1.500 Euro

21. Juli 2006, 09:51
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Aufsichtsratschef Malik sieht weniger Schadensausmaß sondern Prinzipienfrage im Vordergrund

Wien - Der Aufsichtsrat der ÖBB Personenverkehr AG wird am Donnerstag, über eine mögliche vorzeitige Ablöse von Vorstand Wilhelmine Goldmann entscheiden. "Die Vertrauensfrage steht im Raum", sagte der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Fredmund Malik. Goldmann wird vorgeworfen, ÖBB-Betriebsmittel und -Mitarbeiter für den gemeinnützigen Verein Opernwerkstatt Wien eingespannt zu haben.

Im Umfeld Goldmanns wird kolportiert, dass es bei dem Streitwert um lediglich 1.500 bis 2.000 Euro gehe. Ein Rechtsgutachten, das ÖBB-Holding-Vorstand Martin Huber in Auftrag gegeben hat, soll laut Medienberichten dennoch zu dem Schluss gekommen sein, dass dadurch "sogar eine fristlose Entlassung gerechtfertigt" wäre. Beides wollte Malik am Dienstag nicht kommentieren. Die Bewertung der Vorfälle ebenso wie die Konsequenzen daraus müsse das Aufsichtsratskollegium treffen.

Aufregung im Aufsichtsrat

Laut "Kurier" sorgt die Frage, ob ein Rausschmiss Goldmanns auf Basis dieses Gutachtens möglich ist, im Aufsichtsrat bereits "für gehörige Aufregung": Würden, so die Meinung einiger Kontrolleure, diese rigorosen Maßstäbe generell angelegt, würden etwa bereits private E-Mails von Firmen-Computern für eine Kündigung oder eine Entlassung reichen.

Für Malik geht es jedoch weniger um das Ausmaß des Schadens, sondern um eine "Prinzipienfrage" ("das Prinzip absoluter Korrektheit") und "um die Optik nach innen und außen". Bewerten müsse man sowohl die rechtlichen Aspekte, als auch die Einhaltung der Unternehmensführungsregeln (Corporate Governance). Da die ÖBB nach wie vor von öffentlichen Geldern abhängig seien, in den nächsten Jahren tausende Stellen abbauen und an allen Ecken und Enden Kosten einsparen müssten, müsse der Vorstand ein "uneingeschränktes Vorbild sein". Vom Vorstand erwarte man, dass er "persönliche Ziele hintanstellt und sich 100 Prozent in den Dienste der Sache stellt".

Gewinn für das Unternehmen

Goldmann selbst hatte die Vorwürfe am Wochenende in einem Radiointerview als "lächerlich" und "überhaupt nicht den Tatsachen entsprechend" zurückgewiesen. Ihre Tätigkeit im Verein Opernwerkstadt bezeichnete sie als "einen Vorteil und einen Gewinn für das Unternehmen", weil sie damit kostenlos und in ihrer Freizeit das Image des Unternehmens verbessere. Malik meinte dazu, im Personenverkehr gehe es derzeit vor allem um Qualitätsverbesserung für den Kunden - Zitat: "Ob eine ehreamtliche Kulturarbeit einen Beitrag zu leistet, ist zumindest fraglich", sagte der Aufsichtsratsvorsitzende.

Spannungen im Hintergrund

Der Aufsichtsrat des ÖBB-Personenverkehrs will am Donnerstag auch über das "Spannungsverhältnis" zwischen Vorstand Wilhelmine Goldmann und dem ÖBB-Holding-Management sprechen. Diskussionen zwischen den operativen Vorständen und der Holding-Führung seien zwar wichtig. In einer komplexen Struktur wie jener der neuen ÖBB sei aber auch Kooperationsbereitschaft gefragt. "Nicht allen fällt das gleich leicht", ergänzte Malik.

In der Öffentlichkeit losgetreten worden war der Streit zwischen der ÖBB-Holding-Führung und Goldmann schon im Herbst vergangenen Jahres. Goldmann als Nahverkehrs-Chefin warnte damals in Hinblick auf die Anschaffung neuer Züge vor einer mangelnden Kapitalausstattung des Personenverkehrs und vor dessen drohender Pleite. ÖBB-Holding-Vorstand Huber dementierte dies danach heftig. In der Folge bekam Goldmann Holding-Finanzvorstand Erich Söllinger als dritten Vorstand zur Seite gestellt und musste den Bereich Finanzen an ihn abgeben. Danach musste sie auch noch die Bereiche Marketing und Vertrieb an ihren Vorstandskollegen für Fernverkehr, Stefan Wehinger, und schließlich auch den Vorsitz im Post/Bahnbus-Aufsichtsrat abgeben.

Keine Entmachtung

Malik will jedoch von einer Entmachtung Goldmanns nichts wissen. Es gehe hier nicht um Machtkämpfe, Schlammschlachten, Mobbing oder gar politische Motive. Den Finanzbereich habe man Söllinger übertragen, um Goldmann, die am Limit ihrer Leistungsfähigkeit gearbeitet habe, zu entlasten. Den Marketing-Bereich habe man in den Fernverkehr verlagert, weil er dort größere Bedeutung habe. Und den Posten des Postbus-Aufsichtsrates habe Goldmann deshalb abgeben müssen, weil sie dort zuvor Vorstand gewesen sei und im Sinne der guten Corporate Governance ein Vorstand niemals später im Aufsichtsrat sitzen solle. Zu der damaligen Finanzierungsdebatte gesteht der ÖBB-Aufsichtsrat ein, dass noch einige Fragen offen seien. Im Moment sei aber "keine Gefahr für die Finanzsituation des Unternehmens absehbar".

Malik selbst, Chef des Managementzentrums St. Gallen, war in der Öffentlichkeit zuletzt unter Beschuss geraten, weil sein Institut Schulungsaufträge für ÖBB-Manager in einer kolportierten Höhe von rund einer Mio. Euro angenommen haben soll. Der Manager betonte dazu, dass er in die Entscheidung nicht involviert gewesen sei. Auftragnehmer sei sein Wiener Büro gewesen, mit dem er nichts zu tun habe. Gerüchte über "persönliche Honorare" hätten keinerlei Wahrheitsgehalt gehabt. Das habe er im Aufsichtsrat klären können. Eine solche Chance werde man am Donnerstag auch Goldmann geben. (APA)

  • Fredmund Malik war in der Öffentlichkeit zuletzt selbst unter Beschuss geraten, weil sein Institut Schulungsaufträge für ÖBB-Manager in einer kolportierten Höhe von rund einer Million Euro angenommen haben soll.
    foto: standard/benz

    Fredmund Malik war in der Öffentlichkeit zuletzt selbst unter Beschuss geraten, weil sein Institut Schulungsaufträge für ÖBB-Manager in einer kolportierten Höhe von rund einer Million Euro angenommen haben soll.

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