Ultimatum palästinensischer Extremisten in Geiselkrise abgelaufen

4. Juli 2006, 18:11
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Entführer ziehen sich aus Vermittlungsgesprächen mit Ägypten zurück - Schicksal des entführten Soldaten unklar - Luftwaffe griff Universität von Gaza an

Gaza/Ramallah - In der Geiselkrise im Nahen Osten ist Dienstag früh um 5.00 Uhr MESZ ein von den Entführern gestelltes Ultimatum abgelaufen. Drei terroristische Palästinensergruppen hatten Israel aufgefordert, bis dahin die Freilassung hunderter palästinensischer Häftlinge zuzusagen. Die israelische Regierung betonte allerdings, sie werde sich auf keine solchen Verhandlungen einlassen.

Der 19-jährige Gilad Shalit sei am Leben, sagte der israelische Regierungssprecher Avi Pazner am Dienstag dem französischen Sender LCI. Unterschiedliche Angaben gab es allerdings darüber, was die Entführer mit der Geisel nun vorhaben. Die Entführer hatten im Fall eines Verstreichens des Ultimatums mit der Ermordung des Soldaten gedroht. Am Dienstag erklärte Abu al-Muthana, ein Sprecher der bisher weitgehend unbekannten Terrorgruppierung "Armee des Islam": "Für uns ist die Diskussion beendet. Wir werden keine weiteren Informationen über das Schicksal des Soldaten mehr veröffentlichen, ob er nun lebt oder nicht."

Hamas: "Alle Optionen sind offen"

Man werde ihn nicht töten, "wenn er noch lebt", so al-Muthana. Nach den islamischen Regeln müsse ein Gefangener mit Respekt behandelt werden und dürfe nicht getötet werden. Osama al-Musaini, ein Anführer des bewaffneten Hamas-Flügels, wiederum erklärte: "Sie könnten ihn töten, ihn in ein anderes Land bringen oder ihn verstecken. Alle Optionen sind offen."

Regierungssprecher Ghazi Hamad wiederum erklärte, er halte eine "friedliche Lösung" der Geiselkrise weiterhin für möglich. Es gebe noch immer eine Chance für einen "politischen Ausweg", der für alle Seiten annehmbar wäre, sagte Hamad am Dienstag in Gaza. Die Hamas-Regierung wolle sich weiter um Verhandlungen bemühen. "Die Regierung wünscht eine Fortsetzung der (ägyptischen) Mediation und eine friedliche Lösung", betonte der Sprecher.

Entführer ziehen sich aus Geisel-Gesprächen zurück

Die Geiselnehmer haben sich indessen nach Angaben der Hamas aus den Verhandlungen zurückgezogen. "Die militanten Gruppen haben ihren Vertreter von den Gesprächen mit den ägyptischen Vermittlern abbestellt", sagte das hochrangige Hamas-Mitglied al-Muzaini der Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag. Grund dafür sei die israelische Haltung, nicht auf Forderungen einzugehen. Ägyptische Vermittler hatten sich bemüht, die Entführer zu neuen Gesprächen zu bewegen.

Abbas-Sonderberater in Kairo

Der Sonderberater von Präsident Mahmoud Abbas und ehemalige Vizepremier Nabil Shaath hielt sich unterdessen zu Krisengesprächen in Kairo auf. Abbas hatte beklagt, dass die Ägypter wegen der Uneinigkeit innerhalb der Hamas keinen geeigneten Ansprechpartner hätten.

Die türkische Regierung entsandte inzwischen einen Emissär nach Syrien, um Präsident Bashar al-Assad zur Einflussnahme auf die Hamas-Exilführung in Damaskus zu bewegen. Die palästinensische Regierung hatte am Montagabend an die Entführer des israelischen Korporals Gilad Shalit appelliert, die Geisel gut zu behandeln.

Israel warnt Palästinenser

Israel hatte die Palästinenser gewarnt, dass der "Himmel auf sie herabfallen" werde, sollten die Entführer dem 19-jährigen Rekruten Gilad Schalit etwas antun. Ministerpräsident Ehud Olmert schloss Verhandlungen mit den Geiselnehmern erneut aus und warnte davor, dass die Bemühungen um die Befreiung der Geisel zu einem "langen Krieg" werden könnten. Olmert ließ die Armee anweisen, ihre Bodenoffensive im Gaza-Streifen fortzusetzen. "Wir werden alle terroristischen Elemente bekämpfen, und alle, die den Staat Israel angreifen, werden nicht immun sein", sagte der Premier in der südisraelischen Stadt Sderot, die regelmäßig von palästinensischen Kassam-Raketen getroffen wird.

Israelische Luftwaffe griff Universität von Gaza an

Die israelische Luftwaffe hat am frühen Dienstagmorgen die Islamische Universität in Gaza-Stadt angegriffen. Ein Gebäude der Hochschule wurde getroffen und geriet in Brand. Menschen kamen nach palästinensischen Angaben nicht zu Schaden. Die Islamische Universität gilt als Bastion der Terrororganisation Hamas.

Westjordanland: Drei Palästinenser festgenommen

Israelische Truppen haben im Westjordanland drei Palästinenser festgenommen, die an der Tötung eines jüdischen Siedlers beteiligt gewesen sein sollen. Die Verdächtigen befanden sich in der Nacht zum Dienstag bereits in der Gewalt der dortigen Polizei, als israelische Soldaten das Gebäude in Ramallah umstellten. Die Männer seien nach einigen Stunden aus dem Haus gekommen, ohne dass es einen Schusswechsel gegeben habe, teilte die Armee mit. Ein vierter Verdächtiger befindet sich bereits in israelischer Haft.

Den Männern wird vorgeworfen, in der vergangenen Woche den 18-jährigen Elijahu Ascheri getötet zu haben. Anhänger der radikalen Palästinensergruppe Volkswiderstandskomitee hatten sich zu der Entführung und Tötung des Mannes bekannt. Sie erklärten am Dienstag jedoch, die nun in Ramallah abgeführten Palästinenser hätten mit der Tat nichts zu tun gehabt. (APA/Reuters/red)

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