Güssing wurde zum Mekka für erneuerbare Energie

5. Juli 2006, 12:45
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Die erste Biomasse- Fernwärmeanlage, die eine ganze Kleinstadt versorgen kann, steht im Südburgenland

Güssing - Oben, auf der Burg Güssing, wird bei den heurigen Kultur-Sommerspielen Ferdinand Raimunds "Der Verschwender" gespielt. Unten in der kleinen Bezirksstadt wird nichts verschwendet: Ganz auf Holz und darauf basierenden innovativen Technologien setzen die Güssinger bei ihrer Wärme und Stromgewinnung. Selbst wenn man den Bedarf der Güssinger an Kraftstoffen hineinrechnet, ist der Ort unabhängig von fossiler Energie.

"Vor fünfzehn Jahren, wir waren damals eine der ärmsten Regionen Österreichs mit hoher Abwanderung und hohem Pendleranteil nach Wien, fassten wir den Beschluss, etwas zu tun", erzählt Joachim Hacker, Prokurist des Europäischen Zentrums für Erneuerbare Energien (EEE). "Und wir wollten etwas tun, das nachhaltig ist und unsere Ressourcen ausschöpft."

Hackschnitzel-Heizwerka

Also baute die Stadt ein Heizwerk auf Hackschnitzel-Basis und investierte in ein Wärme-Verteilnetz. Und plötzlich ging es Schlag auf Schlag: Im Zuge des EU-Beitritts Österreichs war es möglich, Förderungen in Höhe von 20, 30 Prozent der Investitionssumme für weitere, technologisch innovative Energieanlagen zu bekommen; das EEE wurde gegründet.

Heute gibt es in der Region 25 verschiedene Anlagen auf Basis erneuerbarer Energien: Bio-Masse, -Diesel, -Solar, Nahwärme. "Alles operiert wirtschaftlich", beteuert Hacker, wiewohl die Wirtschaftlichkeit aus einem guten Stück Umwegrentabilität resultiert: Da ist etwa, dass die Güssinger bei Betriebsansiedelungen mittlerweile gute Karten haben. Zum Beispiel die beiden Parketthersteller, die ihre Werke gleich neben dem Güssinger Heizwerk gebaut haben. Hacker: "Die können bei uns günstig Wärme ankaufen und ihre Reststoffe - Feinstaub, Holzabfälle direkt in das Heizwerk einleiten. So kommt es, dass die Güssinger - ohne Anschlussverpflichtung - gerne auf die Fernwärme zurückgreifen, ist dies doch im Betrieb um gut ein Viertel günstiger als etwa eine eigene Zentralheizung. Der aus dem Biomassekraftwerk entstehende Strom wird in das öffentliche Stromnetz eingespeist.

Rund tausend Jobs geschaffen

Mittlerweile hat sich eine Art "Energiecluster" in der Region gebildet. Auf rund 50 Betriebsansiedelungen mit etwa tausend Arbeitsplätzen verweist Hacker. Dabei geht es auch darum, dass Demo-Anlagen in die praktische Anwendung überführt werden. So ist etwa im Plan, künftig aus Holz auch Treibstoff zu machen, und zwar mithilfe der TU Wien, die dies an einer Versuchanlage bereits durchgetestet hat. Magna-Chef Frank Stronach ist bei dieser Anlage als Investor im Gespräch - der Standard berichtete.

Quasi als Nebeneffekt ergibt sich ein reger Öko-Tourismus. Schüler, Interessierte und Experten pilgern nach Güssing. "Bis zu vierhundert Personen kommen in der Woche, extra deshalb", sagt Hacker. Für die Besucher hat man ein Programm entworfen, das einen halben Tag Führungen vorsieht, und einen halben Tag Erholung und Sport. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD Printausgabe, 04.07.2006)

  • Die lokal vorhandenen Ressourcen - vor allem Holz - werden in Güssing zur Energiegewinnung genutzt
    foto: roman david-freihsl

    Die lokal vorhandenen Ressourcen - vor allem Holz - werden in Güssing zur Energiegewinnung genutzt

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