Kann der Glaube Bälle versetzen?

3. Juli 2006, 19:34
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Peter Menasse kann sich Brasilien kaum erklären und erklärt, wieso Italien Weltmeister wird

Und wieder einmal obsiegen die Katholiken. Je näher das Finale rückt, desto höher wird die Bekreuzigungs-Dichte. Moslems, Buddhisten und Agnostiker sind längst ausgeschieden. Und die deutsche Mannschaft, in der vermutlich einige Protestanten stehen, wird von der Gottesanbetungs-Intensität des Miroslav Klose von Match zu Match ministriert. Nach seinem Tor gegen Argentinien hielt er eine der längsten, je in einem Fußballstadion erlebten Zwiesprachen mit seinem Gott.

In einer Studie der Universität Tübingen zur WM 2006 wird die fußballerische Vorherrschaft des Katholizismus auch wissenschaftlich untermauert. Die Hypothese lautet, Fußball habe sich ursprünglich als Sport der "upper middle class"in Europa verbreitet und in der Folge in Ländern bleibende Wirkung entwickelt, deren Gesellschaften europäisch und westlich geprägt waren. Je höher der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung sei, desto stärker wäre die Verwurzelung des Fußballs in der Sport- und Alltagskultur.

Die Studie versuchte schon vor der WM anhand verschiedener Indizes den kommenden Champion auszurechnen. Neben dem Katholikenanteil an der Bevölkerung wurden weitere Kennzahlen wie das Bruttonationalprodukt, die Anzahl der aktiven Fußballer, die FIFA-Rangliste und andere herangezogen. Die Autoren aus Tübingen errechneten übrigens einen Finalsieg Brasiliens (na ja) gegen Deutschland.

"Die Kraft der Prophezeiung ist dem Narren übergeben", sagte mir Dan Ashbel, Israels Botschafter in Wien, dessen Land wohl wegen des deutlich zu geringen Katholikenanteils regelmäßig bei Fußballgroßereignissen fehlt. Dennoch oder deshalb bekenne ich knapp vor dem Finale: Ich glaube an Italien. Katholiken sind ausreichend vorhanden, und überdies scheinen alle Zeichen, die den Abergläubischen an etwas glauben machen, für die Azurblauen zu sprechen.

Ein Elfmetergeschenk in der 95. Minute gegen Australien. Das Schicksal hat etwas vor mit Italien. Dann die Ukraine. Buffon hält mit Reflex einen herrlichen Schuss, Cannavaro blockt auf der Torlinie stehend den Nachschuss ab, der Gegenangriff bringt das entscheidende Tor. Ja bitte, warum sollte die Vorsehung so etwas fügen, wenn sie nicht die Absicht hätte, Italien im Finale gegen Frankreich gewinnen zu lassen?

Wenn wir also jetzt den Weltmeister kennen, bleibt nur noch eine Frage: Wird Österreich den hohen heimischen Anteil von Katholiken bei der EM 2008 nutzen können? Oder muss man zusätzlich auch daran glauben, dass der Glaube Bälle versetzt? (DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 4. Juli 2006)

Peter Menasse ist Kommunikationsberater in Wien und Chefredakteur des Magazins "Nu".
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