Götter in idealer Pose: Giambologna im KHM

11. Juli 2006, 12:58
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Die Ausstellung "Triumph der Körper" ist einem der bedeutendsten Bildhauer der europäischen Kunstgeschichte, dem Flamen Jean de Boulogne, gewidmet

Wien - Die aktuelle Ausstellung des Wiener Kunsthistorischen Museums widmet sich einem der bedeutendsten Bildhauer der europäischen Kunstgeschichte, dem Flamen Jean de Boulogne (1529-1608), der am Hofe der Medici in Florenz als "Giambologna"zu Weltruf gelangte. "Giovanni Bologna"fertigte zahlreiche Skulpturen und Brunnenfiguren für den italienischen Adel, speziell für die Medici.

Das Kunsthistorische Museum besitzt dank Kaiser Rudolfs II. einige der schönsten Stücke aus der Hand Giambolognas. Der Stellenwert der Flamen innerhalb der Sammlung ist durchaus mit jenem der Bruegels vergleichbar. In Zusammenarbeit mit dem Florentiner Skulpturenmuseum, dem Museo Nazionale del Bargello, ist es nun gelungen, dreißig Jahre nach der letzten großen Schau eine Ausstellung mit zum Teil noch nie verliehenen Exponaten zu organisieren, die die seither gemachten Neuentdeckungen und wissenschaftlichen Fortschritte dokumentiert.

Dabei werden, was Kleinbronzen betrifft, ausschließlich Spitzenwerke von des Meisters eigener Hand gezeigt. Erstmals sind in Wien großformatige Marmor- und Bronze-skulpturen Giambolognas ausgestellt. Erstmals außerhalb von Florenz ist sein lebensgroßer Medici-Merkur aus dem Bargello zu sehen. Und auch die Statue der Fiorenzza aus der Villa Petraia zeigt - entgegen seinem Ruf als Meister der manieristischen Kleinplastik - Giambolognas Fähigkeit, auch monumental zu arbeiten.

Ideales Menschenbild

Im Zentrum der Schau steht Giambolognas Suche nach einem idealen Menschenbild, nach einer vollendeten Pose. Anhand seiner weiblichen und männlichen Göttergestalten, die anmutig dem Bade entsteigen, sich scheinbar schwerelos gen Himmel heben oder wild ineinander verschlungen sich völlig mühelos zu kühnen Mehrfachkompositionen fügen, wird der Entwicklung seines hocheleganten Figurenideals nachgespürt. Giambologna ist es gelungen, das übermächtige Vorbild des Michelangelo, das die Skulptur in Florenz gut 50 Jahre lang dominierte und neben sich nichts weiter zuließ, zu überwinden. Er fand zu einer völligen Neuinterpretation der klassischen Ideale. Giambolognas Stil prägte bis weit ins 17. Jahrhundert hin-ein die Entwicklung der europäischen Skulptur entscheidend mit.

Bis heute sind seine Schöpfungen begehrte Sammelobjekte, und so sind sie nicht nur in Museen, sondern auch in Privatsammlungen zu finden. Mehrere, bisher niemals in Österreich und auch sonst kaum öffentlich zu sehen gewesene private Leihgaben aus Europa und Übersee sind daher die Raritäten der Schau Triumph des Körpers. Daneben geben gerade die Wachs- und Terracottamodelle ein sehr unmittelbares Bild von Giambolognas Sichtweise, auch im Umgang mit dem Material.

Im Katalog schreibt Claudia Kryca-Gersch: "In ihren bahnbrechenden Errungenschaften lässt sich die Geschichte der italienischen Renaissanceplastik auf drei Namen reduzieren: Donatello, Michelangelo und Giambologna. Die wirkliche Bedeutung eines Künstlers ­ abseits aller Modeerscheinungen misst sich nämlich daran, ob die weitere Entwicklung einer Gattung ohne ihn vorstellbar wäre. Bei Giambologna kann man diese Frage eindeutig mit "Nein"beantworten. (Markus Mittringer/DER STANDARD, Printausgabe, 4.7.2006)

Giambologna im KHM
Bis 17. September
  • "Triumph des Körpers": "Merkur", Bronze.
    foto: khm

    "Triumph des Körpers": "Merkur", Bronze.

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