"Wir nehmen die Hürde Italien"

4. Juli 2006, 23:45
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Klinsmanns Optimismus kennt keine Grenzen - Ballack: "Haben eine Wand im Rücken" - Klarer Auftrag für Tormaschine Klose

Dortmund/Wien - Auch das Störfeuer gegen Torsten Frings soll Fußball-Deutschland auf dem Weg zum vierten Fußball-WM-Titel nicht aufhalten. DFB-Bundestrainer Jürgen Klinsmann ging die "Polemik" vor dem Halbfinal-Klassiker der dreifachen Weltmeister Deutschland und Italien zwar spürbar auf die Nerven, aber sein fester Glaube an die achte deutsche Final-Teilnahme war auch dadurch nicht zu erschüttern.

"Die Stimmung bei uns ist sehr konzentriert und fokussiert auf die nächste Hürde Italien, die wir nehmen wollen und nehmen werden", erklärte Klinsmann auf der letzten Pressekonferenz 32 Stunden vor dem Anpfiff am Dienstag (21 Uhr) in Dortmund.

"Jetzt erst recht", lautet das Motto im deutschen Lager vor dem Giganten-Duell in der Festung Dortmund. "Die Mannschaft ist heiß, sie will mehr, sie will ins Finale", gab sich Michael Ballack kämpferisch. Der von der medizinischen Abteilung ebenso wie Torjäger Miroslav Klose wieder fitgemachte Kapitän kann es gar nicht erwarten, den Italienern auf dem Platz mit sportlichen Mitteln die Grenzen aufzuzeigen.

"Wir haben eigentlich keine Chance"

Geradezu genüsslich erinnerte Ballack am Montag an die schmachvollen Abende der jüngeren Vergangenheit, als er im März zunächst mit Deutschland in Florenz und anschließend mit Bayern München beim AC Milan jeweils 1:4 untergegangen war. "Die Italiener sind ein sehr starker Gegner. Sie haben uns klar dominiert - auch im Vereinsfußball. Wir haben eigentlich keine Chance. Alle Vorzeichen sprechen für sie - das ist wunderbar", sagte der Mittelfeldstar lächelnd und mit unverhohlener Kampfeslust.

Die Hoffnungen gegen die Squadra Azzurra, gegen die in vier Versuchen noch keine deutsche Nationalelf einen WM-Sieg gefeiert hat, ruhen auf dem enorm gewachsenen Vertrauen in die eigene Stärke und der grandiosen Heimstärke in Dortmund. "Wir haben eine Wand im Rücken, die uns bis zur letzten Minute unterstützen wird - egal, wie es steht", betonte Ballack. In Dortmund wurde noch nie ein Länderspiel verloren.

"Es wird von der Atmosphäre ein Spiel sein, das Deutschland noch nicht erlebt hat", kündigte Lokalmatador Christoph Metzelder an. Die Emotionen dürften nach dem "Fall Frings" sogar noch höher gehen, auch wenn Klinsmann sich mit öffentlichen Kommentaren zurückhielt und kein Öl ins Feuer gießen wollte. "Wir sind voller Eifer und Elan, wir lassen uns nicht stoppen. Wir sind nach sechs Wochen Arbeit absolut überzeugt, dass wir die zwei größten Hürden auch noch meistern werden", erklärte der 41-Jährige.

Ballack und Klose fit
Nachdem sich am Montag auch Ballack und WM-Top-Schütze Klose fit gemeldet hatten, reduzierten sich die personellen Gedankenspiele innerhalb des Trainerstabes auf einen Notplan im Falle eines Frings-Ausfalls. "Wir sind auf alle Situationen vorbereitet", versicherte Klinsmann, der in dem vielseitig verwendbaren Bremer Tim Borowski sowie dem Spezialisten Sebastian Kehl zwei Kandidaten für die Position neben Ballack zur Verfügung hätte.

Weder personell noch taktisch gibt es Anlass zu Veränderungen, wie Ballack betonte: "Die Mannschaft funktioniert." Auch die Regeneration seit Freitagabend habe ausgereicht, um notfalls wieder 120 Minuten gehen zu können. "Alle Spieler haben aufgetankt, um wieder Vollgas zu geben", erklärte Ballack. Klinsmanns Ziel ist es, auch den starken Italienern das eigene, nach vorne ausgerichtete Spiel aufzudrücken. "Die Spielweise wird so bleiben, wir leben sie."

Klinsmann und Ballack warnten davor, dass in einem ähnlichen Geduldsspiel wie gegen Argentinien die kleinste Schwäche entscheidend sein könnte. "Wir dürfen uns keine Fehler und Aussetzer erlauben - da ist man sofort draußen", sagte der Kapitän. Und der Bundestrainer ergänzte: "Jetzt sind wir bei der Creme de la Creme dabei, da werden Fehler bestraft." Auch Philipp Lahm ermahnte alle, nicht wie beim jüngsten 1:4 von Florenz ins Verderben zu rennen: "Man kann nicht Harakiri spielen."

Klinsmann vertraut jedoch darauf, dass die Abwehr um Per Mertesacker und Metzelder auch Italiens Torjäger Luca Toni an die Kette legen wird. "Wir lassen fast gar keine Chancen mehr zu", stellte er befriedigt fest. Und im Angriff forderte der ehemalige Weltklasse-Stürmer (11 WM-Treffer) am Montag weitere Tore von Klose (10), der ihn in der Rangliste der erfolgreichsten deutschen WM-Torschützen vom zweiten Platz hinter Gerd Müller (14) verdrängen soll. "Er muss mich einholen und sogar an mir vorbeiziehen", befahl Klinsmann. (APA/dpa)

  • DEUTSCHLAND - ITALIEN (Dienstag, Dortmunder Stadion, 21 Uhr, Schiedsrichter Benito Archundia/Mexiko):

    Deutschland: 1 Lehmann - 3 Friedrich, 21 Metzelder, 17 Mertesacker, 16 Lahm - 19 Schneider, 8 Frings oder 18 Borowski, 13 Ballack, 7 Schweinsteiger - 11 Klose, 20 Podolski Fraglich: Frings (Disziplinar-Verfahren)

    Italien: 1 Buffon - 19 Zambrotta, 13 Nesta oder 23 Materazzi, 5 Cannavaro, 3 Grosso - 20 Perrotta, 21 Pirlo, 10 Totti, 8 Gattuso - 9 Toni, 11 Gilardino Fraglich: Nesta (Adduktoren-Verletzung) Es fehlt: De Rossi (gesperrt)

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