Serbischer Groll nach Urteil gegen Oric

6. Juli 2006, 15:13
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Kostunica: "Symbol der Ungerechtigkeit"

"Verhöhnung der Gerechtigkeit und unschuldiger Opfer", "Doppelte Standards des UNO-Tribunals". So kommentierten serbische Politiker und Medien den "schamlosen"Urteilsspruch des UN-Tribunals für Kriegsverbrechen gegen Naser Oric, den muslimischen Kriegskommandanten in Bosnien. Für die bosnischen Muslime ist Oriæ ein "Volksheld", für die Serben "einer der brutalsten Kriegsverbrecher".

Er wurde wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagt und im April 2003 in seinem Fitnessstudio in Tuzla verhaftet. Der Gerichtshof in Den Haag verurteilte ihn am Freitag zu zwei Jahren Haft, die er schon in der Untersuchungshaft abgesessen hatte. Oric wurde sofort freigelassen.

"Solche Haftstrafen werden für Taschendiebe ausgesprochen", erklärte Milorad Dodik, Premier der Serbenrepublik in Bosnien, erbittert. Während man in Sarajewo den "Kriegshelden" feierlich mit allen Ehren empfing, verbreitete sich unter den Serben blanke Empörung wegen der "triumphalen Rückkehr des Schlächters von Srebrenica".

Das UNO-Tribunal in Den Haag habe abermals bewiesen, dass es keine rechtliche, sondern eine "antiserbische", politische Institution sei, konnte man in nationalistischen Kreisen hören. Und selbst proeuropäische Politiker wie Serbiens Präsident Boris Tadiæ die sich für die Zusammenarbeit Serbiens mit dem Tribunal einsetzen, konnten nach dem Urteil für Oric nicht dagegen argumentieren.

Das UNO-Tribunal verwandle sich immer mehr in ein "Symbol der Ungerechtigkeit", erklärte Serbiens Regierungschef Vojislav Koatunica. Unter dem Kommando von Oric und seiner "achten operativen Gruppe der bosnischen Armee" seien in der Region um Srebrenica, Bratunac und Zvornik 3260 Serben umgebracht worden, heißt es im Bericht des Zentrums für die Erforschung der an Serben begangenen Verbrechen.

Viele Leichen seien verstümmelt gewesen, serbische Zivilisten grausam gefoltert, mit Messern, Äxten und Knüppeln getötet worden, was ausführlich mit Obduktions- und Augenzeugenberichten dokumentiert sei.

Für das Massaker (an rund 7000 Muslimen) in Srebrenica seien 22 Serben angeklagt worden, sieben wurden bisher zu insgesamt 123 Jahren Haft verurteilt, sagt der Direktor des Zentrums, Milivoje Ivanisevic. Und wegen den an Serben begangenen Verbrechen sei einzig und allein Oric angeklagt und zu zwei Jahren Haft verurteilt worden. (Andrej Ivanji aus Belgrad/DER STANDARD, Printausgabe, 4.7.2005)

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