Kommentar: Zweierlei Maß

27. Juli 2006, 16:09
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Ein derartiges Vorgehen würde man einem Mann in einer ähnlichen Position niemals zumuten

Damals, als Porr-Vorstand, konnten es dem schwarzen Martin Huber gar nicht genug Tunnel- und sonstige Bauaufträge von den Roten sein, die in die Bücher des Baukonzerns Eingang fanden.

Auch als es um die Besetzung der Chefetage des unter Protesten und Streik gezimmerten neuen ÖBB-Konzerns ging, war es dem nunmehrigen ÖBB-Chef durchaus Recht, das undankbare Geschäft mit dem defizitären Personennahverkehr in rote Hände zu legen. Schließlich hatten sich jene Wilhelmine Goldmanns bei der Sanierung des Postbusses bewährt, und außerdem kann man mit Schülerfahrten und unrentablen Nebenbahnen ohnehin keinen Blumentopf gewinnen. Macht das undankbare Geschäft, das auch die Stilllegung verlustreicher Regionallinien inkludiert, auch noch eine rote, ehemalige Arbeiterkämmerin, ist es noch besser, denn dann traut sich wenigstens die Opposition weniger aufzumucken.

Endzeitstimmung

Ein Jahr und eine öffentliche Warnung vor dem drohenden Kollaps des ÖBB-Nahverkehrs später, ist eben diese ausgewiesene Finanzexpertin beim Bahnchef nicht einmal mehr wohlgelitten. Sie muss weg, darin sind sich er und die (politischen) Eigentümer der Staatsbahn einig. Dass Goldmann mit den Ländern und Verkehrsverbünden dutzende Finanzierungsverträge auf Schiene gebracht hat, allesamt nicht zum Nachteil der ÖBB, kratzt da niemand. In der Endzeitstimmung vor der Wahl ist es aber wichtiger, einen Versorgungsposten frei zu bekommen.

Freilich, es kann passieren, dass ein Eigentümer das Vertrauen zu einem Vorstand verliert und sich von ihm trennen will. Dies jedoch unter Androhung einer Entlassung zu tun, um sich die Abfindung zu ersparen, würde man einem Mannsbild niemals zumuten. Da würde mit einem anderem Maß gemessen. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD Printausgabe, 04.07.2006)

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