Neun Gebote des Bäckerlehrlings

4. Juli 2006, 23:45
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Klinsmann ist vom WM-Ti­tel überzeugt, "weil der Hun­ger permanent ist" - Die Nation hat ver­nünfti­gen Umgang mit Patriotismus gelernt

Da die Zehn Gebote schon jemand anderer verfasst hat, musste Deutschlands Bundestrainer Jürgen Klinsmann (41) mit neun auskommen. Das ist eben das Pech der späten Geburt. Dafür tat er sich bei der Überlieferung weitaus leichter. Vor knapp zwei Jahren spielte die Technik schon alle Stücke, da gab es bei ihm daheim in Kalifornien längst Computer und Drucker.

Team-Manager Oliver Bierhoff und Klinsmann sind vermutlich am Strand gesessen, als sie die neun (Wir)-Gebote aufgestellt haben:

  • "Wir glauben an den Weltmeistertitel."

  • "Wir glauben an unsere Stärken."

  • "Wir treten immer als Team auf."

  • "Wir sind füreinander da."

  • "Wir sind alle Botschafter unsers Landes."

  • "Wir gehen offen mit Kritik um, jeder Provokation begegnen wir mit einem Lächeln."

  • "Wir lösen alle Konflikte gemeinsam."

  • "Wir denken immer positiv."

  • "Wir zeigen für alle Respekt und motivieren uns und alle Leute im Umfeld."

    Alle für die WM infrage kommenden Kicker mussten sich ab August 2004 daran halten. Um dem Ganzen einen Stil zu verpassen (viel zu schade für ein loses Blatt Papier), wurde den zunächst perplexen Spielern ein in Leder gebundenes Ringbuch überreicht, in dem das Blatt, die Gebotstafel, eingeheftet war.

    "Spaß und Freude sind immer dabei", hieß es noch. Und: "Wissen ist nicht genug, wir müssen es anwenden. Wollen ist nicht genug, wir müssen es tun."Dieser Spruch stammt allerdings von Johann Wolfgang von Goethe, der nie und nimmer wissen konnte, dass Klinsmann am 4. Juli 2006 das Halbfinale der Fußball-WM gegen Italien bestreitet.

    Sie hatten ihn belächelt, für verrückt erklärt, in Deutschland gibt es ungefähr 40 Millionen Teamchefs, also die halbe Bevölkerung. "Wir wollen Weltmeister werden"sagte der aberwitzige Klinsmann zum Amtsantritt. Dann tauchte er noch mit amerikanischen Fitnesstrainern auf (Marc Verstegen, Shad Forsythe, Craig Freedman), die hängten die Ballacks an Gummibänder, worauf die wie halbseitig gelähmte Enten über den Platz watschelten. Haha.

    Die deutschen Kicker sind indes fit wie Radierer, die Kritiker stumm wie Ziegel. Klinsmann empfindet maximal eine innere Genugtuung. Denn Provokationen soll man mit einem Lächeln begegnen.

    Der Klinsi ist also angekommen. Sogar beim deutschen Fußballverband. Der schwäbische Bäckerlehrling mutierte binnen vier Wochen zum Weltmann, Franz Beckenbauer hat Konkurrenz. Er sagt nicht mehr "Wir wollen Weltmeister werden", sondern "Wir werden Weltmeister". Und niemand, die Mitglieder der italienischen Nationalmannschaft vielleicht ausgenommen, widerspricht. Die Nation lauscht seinen Sätzen, saugt sie ein. "Die Denkweise ,Go for it'ist die einzige Chance, wenn man Großes erreichen will. So eine WM treibt einen von Spiel zu Spiel mit einem permanenten Hunger. Zufriedenheit gibt es erst, wenn wir Weltmeister sind. Wir haben optimale Voraussetzungen geschaffen und den Spielern das Alibi genommen. Sie haben keine Ausreden mehr. Du musst dich für die Richtigen, nicht für die Besten entscheiden."

    Klinsi hat Deutschland verändert. Schreiben die Kommentatoren. Aus den Fenstern hängen Fahnen, an den Autos Fähnchen, es wird gehupt, getanzt, gefeiert. Schreien die Fans im Stadion "Deutschland", klingt das weder sehr hart noch echt unsympathisch ("Teutschlant"), sondern nahezu weich und fast lieblich ("Deuuuutschlanddd").

    "Es gibt wieder ein vernünftiges Verhältnis zum eigenen Land, Patriotismus ist unverdächtig geworden, es heißt schwarz-rot-geil, die Leute sind offener geworden", sagt Werner Schötz, Journalist aus Passau. "Seine Philosophie ist ja recht einfach, sie ist typisch amerikanisch. Glaube an das Unmögliche."Natürlich dürfe man die Vorgänge nicht überinterpretieren. "Es gibt auch eine Zeit nach der WM." Klinsmann, so Schötz, erinnere "an eine kickende Trümmerfrau. Er hat aufgebaut, was kaputt war. Sollte Deutschland Weltmeister werden, wäre die Wiedervereinigung endgültig abgeschlossen."

    Doch noch ein Gebot

    Der Bundestrainer hat sich mit diesen möglichen oder auch unmöglichen Auswirkungen nicht befasst: "Ich ziehe keine Parallelen zur Politik."Denn, so ein zehntes Gebot, das für Bäckerlehrlinge aus dem Schwabenland ebenso wie für Weltmänner aus Kalifornien gilt:. "Mische dich nicht in Dinge ein, von denen du keine Ahnung hast." (DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 4. Juli 2006)

  • Christian Hackl aus Dortmund
    • Bild nicht mehr verfügbar

      Amerika hat Klinsmann verändert, Klinsmann hat Deutschland verändert. Erstes Gebot: "Wir glauben an den Titel."Achtes Gebot: "Wir denken immer positiv."

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