Lippi: Cäsar, Newman, Chamäleon

4. Juli 2006, 11:31
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Italien liegt dem "Tech­nico" zu Füßen. Dieser gilt als akribischer Tüft­ler und weiß mit Team und Taktik zu jonglieren wie kaum ein anderer

Dortmund - Lateinschüler erinnert er an Cäsar, die Italienerinnen vergleichen ihn mit Paul Newman und seine Gegner halten ihn für ein Chamäleon - für seine Azzurri ist er einfach nur "der beste Trainer der Welt". "Marcello Lippi wird auch die Deutschen besiegen", skandieren die Tifosi. Vor dem Halbfinal-WM-Klassiker ist der Dirigent des italienischen Ensembles längst zum eigentlichen Star des dreifachen Weltmeisters geworden.

Seine Kritiker sind verstummt, ganz Italien liegt dem weißhaarigen Gentleman aus der Toskana zu Füßen, der zuvor mit Juventus Turin fünf Mal Meister und einmal Champions League-Sieger geworden war. "Mit Genugtuung" nimmt der 58-Jährige die Huldigungen zur Kenntnis, zu Kopf steigt ihm die "Lippi-Mania" deshalb aber nicht. Gegenüber seinem emotionalen Vorgänger Giovanni Trapattoni wirkt Lippi eher unterkühlt. Hinter der Fassade aber brodelt es: "Ich empfinde Glücksgefühle wie noch nie", gestand der Mann, der sich vor der "größten Herausforderung seiner Karriere" sieht.

Rot wurde er dabei nicht, obwohl Lippi das Chamäleon dieser WM ist. Wie das die Farbe wechselnde Reptil passt Lippi Team und Taktik der aktuellen Lage an. Von wegen "Never change a winning Team": in bislang 28 Spielen bot der Coach 28 verschiedene Mannschaften auf und wechselt auch im Spiel von einem System ins nächste. Auch vor dem Treffen mit der Truppe des von ihm "sehr geschätzten" Jürgen Klinsmann drehte Lippi wieder das Aufstellungs-Roulette und wollte wie immer nichts verraten.

Er hat das Duell mit den Deutschen akribisch vorbereitet. "So gut präpariert sind wir vor Lippis Zeit nicht ins Spiel gegangen", lobte Andrea Pirlo. "Er kann es gar nicht abwarten, neue Formationen mit neuen Besetzungen auszuprobieren", bewundert Gennaro Gattuso Lippis Kreativität und Fleiß. Vor dem Spiel ist Lippi fleißig, auf der Bank intuitiv. Mit seinen Einwechslungen hatte er in Deutschland fast immer ein glückliches Händchen. Vier von neun WM-Toren der Azzurri schossen die Joker.

"Lippi ist gut und er ist ein Mann mit Fortune", sagte der kommissarische Präsident des italienischen Fußball-Verbandes (FIGC), Guido Rossi. Er will den Coach, dessen Vertrag am 15. Juli ausläuft, deshalb unbedingt halten. Der angeblich von Top-Vereinen wie Real Madrid umworbene Lippi will den Ausgang der WM abwarten. "Bitte bleib", flehen auch die Spieler wie Francesco Totti und Luca Toni, an denen Lippi mit an Sturheit grenzender Standhaftigkeit festgehalten hatte, bis sie pünktlich zum Spiel gegen Deutschland wieder in Top-Form waren.

"Lippi hat in schwierigsten Zeiten hervorragende Arbeit geleistet", lobte ihn der legendäre Weltmeister-Trainer von 1982, Enzo Bearzot. Und das, obwohl die Staatsanwaltschaft Rom auch gegen seinen Sohn Davide ermittelt und er selbst schon als Zeuge im Betrugsskandal um Juventus Turins Ex-Manager Luciano Moggi vorgeladen war. Dennoch hat Bearzot keinerlei Zweifel, dass Lippi Deutschland schlägt, Weltmeister wird und Italien nach dem Fußball-Skandal zum Neuanfang führt. (APA/dpa)

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    Kreativer Systematiker: Marcello Lippi.

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