Italien auch nicht schlecht drauf

5. Juli 2006, 00:31
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Die Squadra geht mit breiter Brust ins Halbfinale: formidable Defensive und ansehnliche Torausbeute eine gute Kombination - Enzo Bearzot: "Sind ihnen überlegen"

Dortmund/Wien - Für Teammanager Gigi Riva ist es ein "Jahrhundert- Spiel", für Regisseur Francesco Totti ein Traum, für Trainer Marcello Lippi eine Genugtuung. Nicht nur in der "Casa Azzurri Germania", dem italienischen Hauptquartier in Duisburg, herrscht vor dem Halbfinale gegen Deutschland azurblaue Zuversicht. Anders als noch vor dem Turnierbeginn glauben die Tifosi nun an den ersten Titel seit 24 Jahren.

Enzo Bearzot, Trainer des Weltmeister-Teams von 1982, zweifelt nicht an einer Fortsetzung der wunderbaren Erfolgsgeschichte: "Gegen Deutschland gewinnen wir immer. Wir sind ihnen überlegen, das zeigt die Historie. Das wissen die Deutschen, deshalb fürchten sie uns." Etwas vorsichtiger gibt sich Ex-Teamstürmer Paolo Rossi. "Die Chancen stehen 50:50, vielleicht sind die Deutschen durch den Heimvorteil etwas höher einzustufen", meinte der 1:0-Torschütze beim 3:1-WM-Finalesieg von 1982 gegen Deutschland.

Vom 4:1 gegen den Gastgeber im Vorfeld des Turniers lassen sich die Azzurri nicht blenden. "Das war in Florenz und ein Testspiel, jetzt ist es eine komplett andere Partie, in der für beide Seiten eine schwierige Aufgabe wartet", sagt Verteidiger Gianluca Zambrotta. Die mit schwerem Gepäck angereisten Italiener präsentieren sich seit dem 3:0 im Viertelfinale über die Ukraine befreit. Das von Lippi zusammengestellte Kollektiv funktioniert mit jedem Spiel besser.

Diese positive Entwicklung der Squadra hat viele Fachleute verblüfft, Jürgen Klinsmann jedoch nur wenig verwundert: "Ich habe diese Reaktion erwartet. Wenn alle an dir zweifeln und dich kritisieren, dann willst du der Welt zeigen, was du wirklich wert bist." Längst ist die Kritik an Lippis Arbeit und der kühlen Spielkultur seiner Mannen verstummt. Obwohl der Fußball-Lehrer im WM-Klassiker in seinem 28. Spiel wohl zum 28. Mal auf eine andere Formation zurückgreifen wird, wirft ihm niemand mehr fehlende Kontinuität vor.

Immerhin neun Tore hat sein Team bisher geschossen - erzielt von acht verschiedenen Spielern - und damit das Gerede vom Catenaccio ad absurdum geführt. "Über dieses Klischee kann ich nur lachen", sagte Klinsmann in einem Interview in der "Gazzetta dello Sport", das sich wie eine Liebeserklärung an seine einstige Wahlheimat liest. Der Respekt des Schwaben vor den Italienern ist begründet. Selbst den Ausfall von Weltklasse-Verteidiger Alessandro Nesta (Adduktoren-Verletzung) überstand die wohl beste Defensive des Turniers um den nur 1,76 Meter großen Abwehr-Giganten Fabio Cannavaro bisher schadlos.

Zudem hat Stürmer Luca Toni seine Formkrise überwunden und sich mit dem Doppelpack im Viertelfinale für weitere Einsätze empfohlen. Schon werden Vergleiche mit dem WM-Torschützenkönig Rossi laut, der 1982 auch erst im fünften Spiel die Ladehemmung abgelegt hatte. "Luca Toni kann mein Nachfolger werden, das traue ich ihm zu", sagte Rossi.

Riva hofft inständig auf weitere positive Schlagzeilen: "Ein Sieg in diesem Halbfinale wäre deshalb wichtiger als das legendäre 4:3 von 1970." Die medizinischen Fortschritte von Gianlucca Pessotto, der erstmals nach seinem Fenstersturz für kurze Zeit aus dem Koma erwachte, setzen zusätzliche Kräfte frei. Ein sportliches Schicksal wie in den beiden letzten Turnieren, als die Gastgeber Südkorea (Achtelfinale) und Frankreich (Viertelfinale) mit Glück die Oberhand behielten, soll diesmal verhindert werden. (APA/dpa/Reuters)

  • Commissario Technico Enzo Bearzot (79) Weltmeister-Trainer 1982.

    Commissario Technico Enzo Bearzot (79) Weltmeister-Trainer 1982.

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