Italiens Probleme liegen nicht am Feld

4. Juli 2006, 23:45
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"Ein Schiff, das jeden Tag mit Raketen und Torpedos attackiert wird"

Dortmund - Mit seinen WM-Gegnern hat das italienische Fußball-Nationalteam bisher nur wenige Probleme gehabt. Die größten Schwierigkeiten liegen außerhalb des Platzes und da im eigenen Land. Aber die "Azzurri" haben sich auf dem Rasen bisher kaum etwas anmerken lassen, obwohl sie Manipulationsskandal und Selbstmordversuch ihres ehemaligen Mannschaftskameraden Gianluca Pessotto sicher beschäftigen. Die Belohnung dafür ist das WM-Halbfinale am Dienstag in Dortmund gegen Deutschland.

"Seit dem Beginn unseres Trainingslagers am 22. Mai sind wir wie ein Schiff, das jeden Tag mit Raketen und Torpedos attackiert wird", erklärte der italienische Altstar Luigi Riva, Torschütze beim 4:3 gegen Deutschland im Halbfinale der WM 1970 und offizieller Begleiter der "Squadra Azzurra". Nahezu täglich wurden neue Details des Korruptionssumpfes bekannt. So erklärten Präsident und Vizepräsident des italienischen Verbands, Franco Carraro und Innocenzo Mazzini, ihren Rücktritt.

"Nur Abete und ich sind noch da"

Damit sind Trainer Marcello Lippi und sein Team so gut wie ohne Rückhalt. Als einzige offizielle Begleiter sind Vizepräsident Giancarlo Abete und eben Riva übrig geblieben. "Nur Abete und ich sind noch da, um das Team zu unterstützen", so Riva. "Aber der Verdienst geht an Lippi, der den Motor gebaut hat und die Gruppe zusammenhält." Lippi habe die Mannschaft völlig von der Außenwelt abgeschottet.

Aber der Skandal schwelt weiter. 26 Funktionäre und Schiedsrichter müssen mit Anklagen wegen Korruption und Spielmanipulationen rechnen. Am kommenden Sonntag, dem Tag des Endspiels, werden die Urteile des Sportgerichts erwartet. Dabei könnten Juventus Turin die Serie A-Titel der vergangenen zwei Jahre aberkannt werden. Mit Sanktionen müssen auch AC Milan, Fiorentina und Lazio Rom rechnen. Von den 23 Spielern der italienischen Nationalmannschaft gehören 13 Vereinen an, die in den Skandal verwickelt sind.

Rücktritt nach der WM?

Auch Lippi wurde vor der WM von den Ermittlern zu Vorwürfen verhört, er sei bei der Auswahl bestimmter Spieler für die Nationalmannschaft beeinflusst worden. Sein Sohn Davide Lippi sieht sich mit Ermittlungen konfrontiert, bei denen es um seine Tätigkeit für die Spieleragentur GEA World geht. Nach Informationen der Tageszeitung "Corriere della Sera" soll Lippi bereits beschlossen haben, sein Traineramt nach der WM niederzulegen, weil er verbittert darüber sein soll, wie man mit ihm und mit seinem Sohn umgegangen ist.

Der mit der Aufklärung des Skandals betraute kommissarische Verbandspräsident Guido Rossi war bei dem Viertelfinalspiel gegen die Ukraine mit im Stadion und erklärte, dass Lippi weiter Trainer bleiben sollte. Auch in der Mannschaft gibt es Unterstützung. "Lippi hat nur Erfolg mit der Nationalmannschaft", sagt Stürmer Luca Toni, der gegen die Ukraine zwei der drei Tore erzielte. "Ich habe Lippi viel zu verdanken. Nur wegen ihm bin ich hier."

Auch Fabio Grosso wurde von Lippi entdeckt. Der Trainer verzichtete auf den populären Christian Panucci und setzte Gianluca Zambrotta als rechten Verteidiger ein, um Platz für Grosso zu schaffen. Dieser holte den Elfmeter heraus, den Francesco Totti im Achtelfinale gegen Australien in der Nachspielzeit verwandelte. "Wir wollen jetzt nicht stehen bleiben", sagt Grosso. "Es war am Anfang nicht einfach, mit all dem, was außerhalb geschehen ist. Aber wir waren in der Lage, uns zu konzentrieren, und jetzt wollen wir mehr." (APA/AP)

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