Rabenhof-Theater: Vom Bieten und Bietenlassen

12. Juni 2000, 19:32


Markus Kupferblum

Nachdem die Bundespolitiker - wohlgemerkt aller Couleurs - der Bevölkerung nun schon seit mehr als 100 Tagen die hohe Kunst der Kopflosigkeit vorleben, scheint dieses Vorbild langsam auch in die Wiener Kommunalpolitik einzudringen. Nicht nur, dass kulturpolitisch in dieser Stadt bei weitem nicht genug Akzente gesetzt werden und offensichtliche Probleme, die dringend gelöst werden müssten, seit Jahren vor sich hergeschoben werden, setzt sich mehr und mehr ein pseudo-marktwirtschaftliches Denken durch, wo es nie und nimmer hingehört.

Endlich müsste sich ein Kulturpolitiker trauen, die Wiener Theaterszene radikal zu reformieren. Angefangen mit dem Theater an der Wien, das endlich vom Fluch des Musicals befreit werden sollte, über das Ronacher, die Volksoper, das Ensembletheater, das Schauspielhaus, die Drachengasse, die schon seit langem ein besseres Haus verdient, die vielen leer stehenden Theaterräume, die nach und nach zu Billas werden, bis zur Position der freien Gruppen und der Rolle der Wiener Festwochen.

Es müssen Strukturen geschaffen werden, die jungen Theatermachern die Möglichkeit geben, eine Sprache zu entwickeln, ohne sich an große Häuser zu binden oder das als letztes Ziel vor Augen sehen zu müssen. Es müssen die großen Häuser lebendiger geführt werden mit mehr künstlerischem Mut und Herausforderung, die Mittelbühnen müssen schneller reagieren und mehr die Freiheit nützen, die sie durch ihre überschaubare Struktur haben.

Endlich müsste sich ein Kulturpolitiker zur Verantwortung für die Kunst bekennen - ohne wenn und aber - und nicht nur die Künstler vor ungehörigen verbalen Übergriffen und versuchten populistischen Einflussnahmen effizient schützen, sondern auch eine angemessene, regelmäßige Erhöhung des Kunstbudgets, das im Staatshaushalt ohnehin nicht ins Gewicht fällt, durchsetzen, um sie nicht dem modischen Quotenzwang auszuliefern. Denn die schönste Pflicht des Staates ist es, die Kunst zu fördern, die ihre Spitze gegebenen Falles auch gegen diesen Staat selbst richtet. Nur dann bleibt der öffentliche Diskurs lebendig.

Aber nichts wird entschieden, die Rollen sind verteilt, alles bleibt wie es ist, weil es immer schon so war - und seit Jahren bewegt sich nichts. Und ob der allgemeinen Sparwut wird auch das Geld dafür weniger.

In dieses kulturpolitische Vakuum bricht jetzt plötzlich unverhofft ein Lichtstrahl ein - wohlgemerkt, nicht aus politischer Initiative oder einer kulturpolitischen Überzeugung: Es ist nur Geldmangel, der bewirkt, dass zum ersten Mal seit vielen Jahren ein Theater ausgeschrieben wird - und prompt stehen alle Schlange, die schon lange kein Theater mehr geführt haben oder schon immer eines führen wollten. Junge Talente aus den Achtzigerjahren, die endlich zum Zug kommen wollen, Shooting Stars aus den Neunzigern, Volksschauspieler aus den Sechzigern und  Kabarettisten, deren Meriten sogar in den goldenen Fünfzigerjahren lagen. Alle wollen den Rabenhof. Und nun erwachen beim Kulturstadtrat echte "Verkehrsministerreflexe für die Vergabe von Handylizenzen". Wer gibt es billiger?

Seriöse Kalkulationen, die auf realistischen Kostenrechnungen basieren, werden lächelnd beiseite geschoben, da Gerhard Bronner, auf sein Charisma bauend, anbietet, es auch gratis zu machen. Ein schlagendes Argument für einen Verkehrsminister, den Zuschlag zu geben, aber desaströs für einen Kulturpolitiker, der endlich einmal die Chance hätte, seines Amtes zu walten und sich zu überlegen, was in dieser Stadt benötigt wird, was es in dieser Stadt geben soll - und erst lange danach, was das auch kostet!

Braucht Wien noch ein zusätzliches Kabarett? Brauchen "junge Theatermacher" einen 78-jährigen Intendanten? Karl Welunschek reagiert prompt und macht es auch plötzlich gratis - was irgendwie an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln lässt: Wofür hätte er denn dann die 15 Millionen gebraucht? Marboe muss nur mehr warten, bis der Erste nun beginnt, Geld zu bieten, um den Rabenhof zu übernehmen. Wer am meisten bietet, bekommt ihn. Qualität? Egal! Inhalt? Egal! Theater? Egal! Hauptsache eines Tages Verkehrsminister?

Markus Kupferblum zählt unter den Wiener Theaterregisseuren zu jener Minderheit, die sich nicht um den Rabenhof beworben hat.

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