Renault und Nissan erwägen Allianz mit GM

4. Juli 2006, 15:37
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Autobauer greifen Vorschlag von GM-Großaktionär Kerkorian auf - Nissan-Führung für Gespräche - Renault-Aktie gibt nach

Paris/Tokio - Auf dem weltweiten Automarkt bahnt sich eine grundlegende Änderung der Machtverhältnisse an. Der französische Hersteller Renault und sein japanischer Partner Nissan erwägen eine Allianz mit dem schwer angeschlagenen Opel-Mutterkonzern General Motors. Die Nissan-Führung sprach sich am Montag für Gespräche über eine mögliche Allianz mit GM aus unter der Bedingung, dass der US-Konzern dem Vorschlag seines Großaktionärs Kirk Kerkorian zustimmt, der Nissan-Renault-Allianz beizutreten. Bei Renault dauerten die Beratungen über einen Einstieg bei dem US-Konkurrenten unterdessen an.

Auf einer Vorstandssitzung am Montag sollte es darum gehen, ob Renault und sein Partner Nissan einen Anteil an GM übernehmen, sagte der französische Finanzminister Thierry Breton im Radiosender Europe-1. Er habe sich am Wochenende mehrmals mit Renault-Chef Carlos Ghosn getroffen, um über das mögliche Bündnis zu sprechen. Die französische Regierung hält 15 Prozent an Renault.

Kerkorian drängt auf Allianz

Die japanische Nachrichtenagentur Kyodo hatte zuvor berichtet, Renault und Nissan wollten bis zu 20 Prozent der im Umlauf befindlichen GM-Aktien kaufen. GM-Großaktionär Kirk Kerkorian drängt darauf, dass sich GM der Nissan-Renault-Allianz anschließt. Renault hält einen 44-prozentigen Anteil am japanischen Autobauer Nissan, der umgekehrt zu 15 Prozent an dem französischen Konzern beteiligt ist. Ein Verbund der drei Autokonzerne würde über einen Marktanteil von nahezu 25 Prozent verfügen und damit Toyota auf Rang zwei verweisen.

Bei GM Europa hieß es am Montag, eine Kooperation mit Renault könne dem deutschen Autobauer Opel durchaus nützen. In Unternehmenskreisen wurde auf die frühere Kooperation von GM und Fiat verwiesen. Diese sei zwar letztlich an den internen Problemen von Fiat gescheitert, habe Opel aber vor allem bei der Entwicklung und beim Bau von Dieselmotoren enorm voran gebracht. Ähnlich könne auch eine strategische Allianz mit Renault und Nissan wirken.

Bei Opel in Rüsselsheim wurde darauf verwiesen, dass General Motors und Renault bereits seit 1996 bei der Entwicklung und beim Bau von leichten Nutzfahrzeugen kooperieren. 2002 sei diese Kooperation auch auf Nissan ausgedehnt worden. Gerade bei der künftigen Entwicklung neuer Fahrzeuge und Antriebskonzepte könne eine Kooperation mit einem finanzstarken Partner wie Renault von Nutzen sein. Nissan, Opel und Renault bieten in Europa leichte bis mittelschwere Transporter an, die weitgehend baugleich sind.

Baugleiche Modelle

Renault war bisher für die Entwicklung verantwortlich, General Motors vor allem für die Fertigung. So werden die baugleichen Modelle Opel Vivaro und Renault Trafic in einem GM-Werk im englischen Luton und seit 2002 in einem Nissan-Werk im spanischen Barcelona gebaut. Den größeren Renault Master baut der französische Hersteller auch unter dem Markennamen Opel Movano in seinem Werk in Batilly. Alle drei Werke fertigten im vergangenen Jahr insgesamt rund 265.000 Transporter.

Der größte Autobauer der USA war im vergangenen Jahr in eine schwere Finanzkrise geraten, zeitweise hatten sogar Gerüchte über eine bevorstehende Insolvenz die Runde gemacht. GM zog die Notbremse und kündigte an, rund 30.000 Arbeitsplätze streichen und zwölf Werke bis 2008 schließen zu wollen.

Betriebsrat befürchtet Jobabbau

Die Arbeitnehmervertreter von General Motors (GM) in Europa befürchten negative Auswirkungen auf die Arbeitsplätze im Fall einer möglichen Allianz zwischen dem weltweit größten Autokonzern und seinen Konkurrenten Renault und Nissan. Das sagte der europäische GM-Betriebsratsvorsitzende, Klaus Franz, am Montag in Brüssel während eines Treffens der Arbeitnehmervertreter. GM-Tochter Opel und Renault würden in Europa eine ähnliche Produktpalette anbieten.

Franz, der auch dem Opel-Gesamtbetriebsrat vorsteht, gibt sich mit Blick auf Zusammenschlüsse zwischen Autokonzernen insgesamt skeptisch: "Die Mega-Mergers der Vergangenheit haben gezeigt, dass zwar kurzfristig die Aktienkurse hochgehen, aber die langfristigen Probleme bleiben." Die GM-Betriebsräte wollten nun vorsorglich Kontakt zu den Arbeitnehmervertretern von Renault aufnehmen, kündigte Franz an.

Höherer Druck auf westeuropäische Werke befürchtet

Die GM-Betriebsräte hatten bei einem Treffen in Brüssel, auf dem eigentlich das weitere Vorgehen gegen die drohende Schließung des portugiesischen Opel-Werks besprochen werden sollte, das Thema sofort auf die Tagesordnung gesetzt. GM macht derzeit erheblichen Druck auf seine westeuropäischen Werke. Dieser Druck könnte sich im Fall einer Zusammenarbeit mit Renault und dem verbundenen Hersteller Nissan nach Einschätzung des Betriebsrats noch erhöhen.

Die mögliche amerikanisch- französisch-japanische Allianz hatte der GM-Großaktionär Kirk Kerkorian gefordert, der darin eine neue Perspektive für den finanziell angeschlagenen amerikanischen Autobauer sieht.

Der Milliardär Kerkorian hatte 1998 als Chrysler-Aktionär auch von der Fusion zwischen Daimler-Benz und dem US-Autohersteller profitiert, das Unternehmen später jedoch verklagt, weil ihm als Investor angeblich Informationen vorenthalten worden seien. Der Aktienkurs von DaimlerChrysler erreichte bei dem Zusammenschluss 1998 ein Hoch von mehr als 90 Euro, fiel dann jedoch ab und liegt heute bei knapp 40 Euro.

Proteste in Portugal unterbrochen

Nach einer Welle von Protestaktionen wollen die Opel-Betriebsräte ihre Aktionen gegen die geplante Werksschließung in Portugal ab Mittwoch vorübergehend unterbrechen, hieß es in einer Mitteilung vom Montag: "Ein Ergebnis der Solidaritätswelle ist die Bereitschaft des Managements, über Perspektiven für die Beschäftigten in Azambuja zu verhandeln."

In dem portugiesischen Werk mit 1.150 Mitarbeitern wird der Lieferwagen Combo gebaut. In den Gesprächen mit der GM-Führung soll es auch um Produktionszusagen für die westeuropäischen Standorte gehen, falls der Konzern in Osteuropa zusätzliche Kapazitäten aufbauen wolle, meinte Franz. (APA/AP)

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