Pressestimmen: "Risikoreicher Kurs"

4. Juli 2006, 18:12
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Kommentare aus europäischen Medien zur Militäroffensive Israels

Wien - Mit der Militäroffensive Israels befassen sich am Montag zahlreiche Pressekommentatoren:

  • "Neue Zürcher Zeitung":

    "Immer mehr Organisationen warnen vor einer Krise für die Bevölkerung im Gaza-Streifen, sollte Israel seine Offensive nicht einstellen. Nach der Beschießung des einzigen Elektrizitätswerks in Gaza durch die israelische Luftwaffe bleiben 750.000 Menschen ohne Strom. Die Wasserversorgung und das Abwassersystem drohen zusammenzubrechen. Zudem halten die Luftangriffe, die Scheinangriffe mit Überschallknallen sowie die Beschießung durch Panzerartillerie weiter an. Das palästinensische Menschenrechtszentrum zählte 50 Luftangriffe in 100 Stunden, zudem habe die israelische Armee Landwirtschaftsland zerstört und Personen verhaftet. Wegen der Abriegelung konnten bis am Sonntag weder Treibstoff noch Nahrung oder Medikamente in den Gaza-Streifen transportiert werden."

  • "die tageszeitung" (taz) (Berlin):

    "Wenn Israel meint, durch noch mehr Gewalt und noch schärfere Sanktionen Herr der Lage zu werden, dann irrt sich die Regierung gewaltig. Mit der gezielten Bombardierung von Brücken und Elektrizitätswerken, dem Abschalten der Wasserversorgung trifft man nicht die verantwortlichen, sondern spricht eine Kollektivstrafe gegen ein gesamtes Volk aus, die durch nichts zu rechtfertigen ist."

  • "La Repubblica" (Rom):

    "Man kann sich die Gefühle in Israel vorstellen und man kann die Entscheidung der Regierung Olmert teilen, mit den palästinensischen Fundamentalisten nicht über die Freilassung des entführten israelischen Soldaten zu verhandeln. Das entspricht einer Logik, einer sehr robusten Logik der israelischen Position. Verhandlungen mit den Terroristen (etwa über die Freilassung einer bestimmten Anzahl von palästinensischen Gefangenen - von denen es in israelischen Gefängnissen etwa 7000 gibt - im Austausch für den Entführten) würden die Gefahr mit sich bringen, zu weiteren Entführungen zu ermutigen. Es würde zudem bedeuten, terroristische Aktionen zu belohnen. Ja, all das kann man sehr wohl verstehen. Aber wie kann man verstehen, wie kann man es akzeptieren, was die israelische Armee seit nunmehr einer Woche im Gaza-Streifen und im Westjordanland tut?"

  • "Le Figaro" (Paris):

    "Wenn Ehud Olmert glaubt, er könne die Hamas zerstören, indem er dem Soldaten Gilad Shalit zur Hilfe eilt, dann hat er sich getäuscht. Im Gegenteil. Der Premier läuft Gefahr, in die Falle des asymmetrischen Konflikts zu treten, das heißt, eines Konflikts, bei dem die militärische Überlegenheit ein Abgrund wird, den sich der Stärkere unter seinen eigenen Füßen gräbt, wobei er gleichzeitig den Schwächeren stärkt. Die Hamas braucht keinen Premierminister, um Israel zu schaden. Auch wenn die Hamas als Regierung von den Israelis wie eine Beschimpfung empfunden wird, in ihrer Untergrundversion bedeutet sie eine noch viel größere Gefahr. Es ist besser, mit einem durchtriebenen Gesprächspartner zu tun zu haben, als mit gar keinem."

  • "Süddeutsche Zeitung":

    "Klar ist, dass es Israels Regierung nicht allein um das Leben eines ihrer Soldaten und Bürger geht. Israel will mit den Hamas-Islamisten abrechnen. Vielleicht überschätzt Regierungschef Ehud Olmert seine Möglichkeiten. (...) Eine rasche Invasion würde dem Soldaten noch weniger helfen; er würde dann wohl von den Militanten ermordet werden. Zudem stehen in Gaza gut bewaffnete Kämpfer bereit, die im Fall einer israelischen Bodenoperation ihrerseits attackieren würden. Die Militanten verbreiten, sie würden weitere Soldaten entführen und auch Selbstmordattentäter ins Gefecht schicken. Auch wenn man die militärische Stärke der Palästinenser-Gruppen nicht überschätzen sollte: Eine Fehlkalkulation in Gaza kann Israel beträchtlichen Blutzoll kosten.

    Fast sicher ist, dass sich die unter einer Militäraktion leidende Bevölkerung hinter den radikalen Hamas-Kräften sammeln würde. (...) Realistisch betrachtet kann Israels Armee die militanten Strukturen mit einer Kurzzeitinvasion nicht vollständig vernichten. Der derzeit einzig erkennbare Grund einer Besetzung liegt darin, dass Olmert die Hamas-Regierung wirklich mit militärischen Mitteln des Amtes entheben will."

  • "Berliner Zeitung":

    "Israelische Kampfhubschrauber feuerten eine Rakete auf das Büro des palästinensischen Ministerpräsidenten. Das ist ein Bruch des Völkerrechts. Es ist - davon können wir ausgehen - ein Warnschuss. Die israelischen Militärs wussten, dass das Büro unbesetzt war. Es ging darum, Ismail Haniyeh zu sagen: Diesmal ist es dein Büro. Morgen bist du es. Nicht anders macht es die Mafia.

    So schrecklich das ist, man wäre - so weit ist man schon - bereit aufzuatmen, wenn man der Illusion anhinge, die israelische Armee würde aufhören, Elektrizitätswerke, Brücken, Straßen und Privathäuser zu bombardieren und sich ganz auf die Verfolgung der bösen Buben konzentrieren. Aber damit ist nicht zu rechnen. (...) Der Terrorismus - die Stärkung der eigenen Position durch Verbreitung von Angst und Schrecken - ist längst die Praxis beider Seiten. Es ist höchste Zeit, dass wir das Wort aus der Schimpfwortabteilung herausnehmen. Der Terrorismus ist inzwischen das verbreitetste Mittel geworden, mit dem Politik fortgesetzt wird. (...) Die jüngsten Aktionen der israelischen Regierung machen eines klar: Sie beansprucht ein Vetorecht bei der Besetzung der palästinensischen Regierungsbank. Ein Vetorecht, das sie mit Bomben und Raketen durchzusetzen bereit ist.

    Wer die Hamas kennt, wird dafür viel Verständnis haben. Aber mit Demokratie hat das nichts zu tun. Es zeigt einzig und allein die Verachtung der israelischen Führung nicht nur gegenüber dem Willen der Palästinenser, sondern auch gegenüber demokratischen Institutionen. Zum Wählen gehört das Abwählen. Es ist Teil eines Lernprozesses. Den hat die israelische Regierung abgeschossen." (APA/dpa)

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