Ultimatum an Israel

4. Juli 2006, 08:55
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Entführer des israelischen Soldaten haben Israel bis Dienstag früh Zeit gegeben, um 1000 palästinensische Häftlinge freizulassen

Die Entführer des israelischen Soldaten Gilad Shalit haben Israel bis Dienstag früh Zeit gegeben, um 1000 palästinensische Häftlinge freizulassen. Ansonsten müsse "der Feind die Konsequenzen"tragen. Die israelische Armee marschierte im Norden des Gazastreifens ein.

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Durch ein auf Dienstag früh Ortszeit anberaumtes Ultimatum der Entführer schien sich die Krise um den verschleppten israelischen Soldaten gestern rasant zuzuspitzen. Israels Führung reagierte zunächst nicht und signalisierte weiterhin die Absicht, den Druck auf die Hamas und die Militäroperation im Gazastreifen stufenweise zu intensivieren.

Von der ägyptischen Vermittlungsinitiative war zuletzt fast gar nichts mehr zu hören, die israelische Tageszeitung Ha'aretzberichtete allerdings, dass Sicherheitskreise nun doch empfehlen würden, im Rahmen eines Tauschhandels palästinensische Gefangene freizugeben, die nicht an Anschlägen beteiligt waren.

"Bis 6 Uhr, morgen früh"

"Wir geben dem zionistischen Feind bis 6 Uhr, morgen früh, Dienstag, 4. Juli Zeit", hieß es in einer Erklärung der Entführer des Soldaten Gilad Shalits, die per Fax und Internet veröffentlicht wurde. Wenn Israel die gestellten Bedingungen nicht erfüllen würde, dann "sehen wir diesen Fall als beendet an", und "der Feind wird alle Konsequenzen tragen müssen".

In dem Ultimatum, das vom bewaffneten Flügel der Hamas, den "Volkswiderstandskomitees"und einer bis zur gegenwärtigen Krise nicht bekannten "Islamischen Armee"unterzeichnet wurde, wird aber nicht ausdrücklich mit der Ermordung des 19-jährigen Korporals gedroht. Die Entführer hatten zuletzt gefordert, dass Israel 1000 palästinensische Häftlinge und zudem noch alle inhaftierten Frauen und Minderjährigen freilassen müsse.

Offiziell blieb die israeli-sche Führung dabei, dass sie mit den Entführern nicht verhandeln werde: Das Büro von Israels Premier Ehud Olmert lehnte die Freilassung von Gefangenen prompt ab. In der Vergangenheit hat Israel aber schon öfters Tauschgeschäften zugestimmt, um Soldaten zurückzubekommen. Die arabische Zeitung Al-Hayatberichtete, der entführte Israeli Gilad Shalit sei von einem ägyptischen Vermittlerteam besucht worden - der Soldat habe drei Schusswunden, die von einem palästinensischen Arzt behandelt worden seien.

Die Israelis versuchten indessen, um Verständnis für ihre Position zu werben. Außenministerin Zipi Livni traf in Moskau mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zusammen - von ihm erhoffte man sich Einfluss auf Damaskus, wo der Chef des radikalen Hamas-Flügels, Chaled Meschal, residiert, auf dessen Kommando die Entführer hören sollen.

"Das Allerwichtigste ist jetzt, die Freilassung des gefangenen israelischen Soldaten zu erreichen", sagte der russische Außenminister Sergei Lawrow nach einem Gespräch mit Livni. Am heutigen Dienstag soll Livni nach Finnland weiterfliegen, das soeben die EU-Ratspräsidentschaft übernommen hat.

Militäroperation ausgeweitet

Unterdessen weitete Israel seine Militäroperation im Gazastreifen aus. Eine Pioniereinheit überschritt die Grenze und begann nahe des Grenzzauns nach Sprengkörpern und unterirdischen Tunneln zu suchen. Zwei Palästinenser wurde bei dem Vorstoß in Richtung des Städtchens Bet Hanouns erschossen.

Nach Armeeangaben handelte es sich aber um eine "begrenzte"Aktion und noch nicht um den angedrohten massiven Angriff, der zu einer längeren Besetzung des Raums um Bet Hanoun führen soll, jener Zone, aus der palästinensische Kommandos in den letzten Monaten regelmäßig Raketen auf Israel abgefeuert hatten. (Ben Segenreich aus Tel Aviv/DER STANDARD, Prinausgabe, 4. Juli 2006)

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    Vor mehr als einer Woche wurde Gilad Schalit von palästinensischen Extremisten entführt.

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    Israelische Einheiten gehen rund um das Städtchen Bet Hanoun im Norden des Gazastreifens in Stellung. Die Armeeführung sprach Montag von einer "begrenzten" Aktion.

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