Münchhausen 2006

2. Juli 2006, 19:23
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Der deutsche Teamchef auf den Spuren des Reiters der Kanonenkugel

Die Deutschen bilden sich viel auf ihre Organisationsfähigkeit ein, wo sie doch bloß der Gründlichkeit anhängen. Siehe Saufen (Freunde zu Gast in Deutschland) oder Laufen (Freunde zum Besiegtwerden in Deutschland). Die Deutschen wirkten von außen bisher angestrengt und humorlos, das war einmal, jetzt wirken sie streng und spaßig.

Das Deutsche, so behaupten die Engländer, eigne sich weder für Witz noch Pop. Weil die Deutschen angeblich bodenlos vernünftig sind. Auch wenn die deutsche Zeitgeschichte, Beethoven, Bach und Harald Schmidt dagegensprechen.

Die Deutschen dürften freilich das auswärtige Urteil, sie seien eine aus Lagerbier, Lederhosen und Langeweile zusammengestoppelte Nation von Ewiggestrigen, abstreifen. Neuerdings arbeitet auch das deutsche Nationalteam daran, das Salz des Vorurteils in einem Meer an Spaß aufzulösen. Andere nach internationalem Urteil spaßfreie Regionen wie Japan, Texas, Belgien, Iran oder Irak ließen das WM-Turnier imagemäßig ungenutzt verstreichen. Italien, das Sehnsuchtsland der Deutschen (und Österreicher) nach dem Krieg, verwandelte sich dank Berlusconis und der Kicker Korruption in das Krokodil des Kontinents.

Die deutsche Lockerheit ist also auch eine Tochter gründlicher Vorbereitung, insgesamt ein gelungener Relaunch. Wenn da nicht die leise Unstimmigkeit wäre, dass ganz Deutschland dem Team bis vor dem Beginn des Turniers hinterherschimpfte. Klinsmanns Selbstvertrauen ähnelt mehr Münchhausen, der zur Vorbereitung einer Schlacht sich eine Kanonenkugel schnappte und im Flug die Lage erkundete. Aber Münchhausen hat gewonnen, und sie schwärmen heute noch davon. (DER STANDARD Printausgabe 03.07.2006)

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