Wie geht es denen, die gescheitert sind?

2. Juli 2006, 19:00
7 Postings

Wendelin Schmidt-Dengler identifiziert sich und sympathisiert mit den Versagern und Verlierern.

"Zinédine Zidane ist auferstanden.""Totti erlöst Italien.""Der Fußball-Gott hat die große Willensleistung der deutschen Mannschaft belohnt."

So liest man es in den Gazetten, und der Vatikan schweigt dazu. Er kann sich auch nicht um diese alltäglichen Blasphemien kümmern, um diese unsäglichen neuen Sagenhelden, von denen in absehbarer Zukunft Michael Köhlmeier auf Ö1 erzählen wird, etwa von dem "Titanen" Jens Lehmann. Nein, es sollte dem Vatikan und uns um die Versager gehen. Ohne Versager gibt es keine Sieger, gibt es keine Entscheidungen. Nirgends ist das Versagen so spektakulär wie im Fußball. Die Elfer-Orgien in der Vorwoche gaben reichlich Gelegenheit, dies zu beobachten. Millionen sehen zu. Männer weinen. Schicksale entscheiden sich, in einer Sekunde.

Wir erinnern uns an Roberto Baggio, den italienischen Heroen der WM 1994, der im Finale den Elfer verschoss und damit Italien um den Titel brachte. Ein Pfarrer in seinem Heimatland wusste Bescheid: Als bekennender Buddhist hätte sich Baggio aus dem Schutz der allein selig machenden Kirche begeben.

Armer Maskenmann

Andreas Brehme vertraute offenkundig dem Allmächtigen, als er im Endspiel 1990 den Elfmeter für Deutschland verwandelte und den Titel sicherte. Aber wer weiß schon, wie es die Kicker mit der Religion haben. Riquelme verschoss den (geschenkten) Elfer gegen Arsenal und brachte so Villarreal um die Chance des Finales in der Championsleague. Seither gleichen seine Gesichtszüge den Masken der griechischen Tragöden.

Wie fühlten sich die Schweizer, als sie die Elfer verschossen und damit das Erbe des Übervaters Wilhelm Tell verrieten? Wie fühlten sich die Engländer, die an Ricardo scheiterten? Wie ging es dem Argentinier Ayala nach dem Elfer? Wie musste es dem Spanier Sergio Ramos ergehen, als er Vieiras Kopfball ins Tor lenkte, worauf das Spiel endgültig kippte? Wie geht es den brasilianischen Verteidigern, die zusahen, als Henry sein Tor machte?

Armer Spielmann

Die Versager sind in der Überzahl. Früher phantasierte ich mich in die Sieger hinein, mit zunehmenden Jahren identifiziere ich mich nicht nur mit den Versagern und Verlierern, ich sympathisiere auch mit ihnen. Grillparzers armer Spielmann ist so ein musterhafter Versager: Auf eine gescheiterte Prüfung folgt ein Lebenslauf in absteigender Linie. Und solche beklemmenden Situationen kennen wir alle, nur sind wir nicht immer im Fernsehen. Die beste Lehre, die wir aus dem Fußball ziehen können, ist die Befähigung zum Umgang mit Niederlagen. Und die österreichische Literatur und der österreichische Fußball bieten dafür ein reiches Anschauungsmaterial. (DER STANDARD Printausgabe 03.07.2006)

Zur Person:

Wendelin Schmidt-Dengler, Professor der Literatur- wissenschaft in Wien.

Share if you care.