Das Ornament der harten Schule

11. Juli 2006, 12:58
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Josef-Plecnik-Schau im Wiener Ringturm: Der Architekt aus Laibach studierte bei Otto Wagner an der Akademie der bildenden Künste

Wien - So wie Otto Wagner auf ewige Zeiten ein Sohn Wiens bleiben wird, so hat auch Laibach seinen ganz eigenen Architektensohn. Der Zufall wollte es, dass dieser Josef Plecnik justament bei Otto Wagner an der Akademie der bildenden Künste sein Studium absolvierte. Zurück in seiner Geburts- und Sterbestadt setzte Plecnik dem Zentrum von Laibach eine unverwechselbare Handschrift auf, wie sie in dieser Reinkultur - und städtebaulichen Sensibilität - im europäischen Raum kein zweites Mal zu finden ist.

Doch nicht nur Slowenien konnte von seinem eigensinnigen Gestaltungswillen profitieren, auch Wien und Prag bekamen ihre verschnörkelten Gebäude ab. Unter den wenigen Wiener Bauten gilt vor allem das Zacherlhaus auf dem Wildpretmarkt - eingehüllt in Granit und Kupfer - als Meilenstein der Art Nouveau. An der Fassade tragen gigantische Atlanten das beschwerliche Gesims, im Stiegenhaus hingegen tänzeln hunderte stilisierte Insekten und barock geschmiedete Engel an Kandelabern und Brüstungen empor.

"Ich habe ihn noch persönlich gekannt", erzählt Damjan Prelovsek, der gemeinsam mit Adolph Stiller die Ausstellung Josef Plecnik. Architekt in Wien, Prag und Laibach im Wiener Ringturm kuratierte, "er war ein Liebhaber des Details." Plecniks frühe Jahre, die er in der väterlichen Tischlerei verbrachte, sollten sich in seinem späteren Werk wiederfinden. Fassaden und Mobiliar sind stets fein ausgearbeitet, niemals hatte den bärtigen Mann die Geduld verlassen - diese Botschaft vermittelt zumindest sein architektonischer Nachlass.

Hinter den Fassaden aus Backstein und Ornamenten harren dennoch avantgardistische Visionen. Den Kirchturm im Prager Stadtteil Vinohrady kann man auf einer Rampe selbst mit dem Rad erklimmen, das Treppenhaus mit dem Aufzug in die Präsidentenwohnung auf der Prager Burg wird selbst heute noch seiner Funktion gerecht.

Friedrich Achleitner meint im Katalog, die Unbekanntheit Plecniks läge u. a. an der Ignoranz der Geschichtsschreibung, die die zentraleuropäischen Länder jenseits des Eisernen Vorhangs nicht wahrgenommen hätte. Im Ringturm kann man den Betrachtungswinkel nun etwas weiten. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.7.2006)

Von Wojciech Czaja


Bis 8. September
  • Eigenwillig: Herz-Jesu-Kirche in Prag (1931).
    foto: wr. städtische

    Eigenwillig: Herz-Jesu-Kirche in Prag (1931).

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