Konzert für Europa mit Dauerknistern

9. Juli 2006, 18:56
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Die Philharmoniker trotzten vor Schloss Schönbrunn dem Wetter und Tenor Plácido Domingo dirigierte mit Routine

Wien - Sie hatten wirklich Pech. Auch diesmal. "Das nächste Jahr spielen wir im Mai, bei Schneefall", meinte Clemens Hellsberg, der Vorstand der Wiener Philharmoniker, am Ende des Abends mit einer Spur Galgenhumor. Und auf die an das Publikum gerichtete Frage, ob denn dann alle kommen würden, schallte ihm ein lautstarkes "Ja!" entgegen.

Man muss es ausdrücklich positiv erwähnen: Das Publikum des diesjährigen Konzerts für Europa in Schönbrunn war nicht weniger wetterfest als jenes eines typischen verregneten Sommerfestivals. Da peitschte der Wind den Nieselregen zu wilden und in der Beleuchtung geradezu tänzerisch scheinen Fontänen empor - der Großteils des Publikums harrte geduldig aus und hörte den Philharmoniker unter Plácido Domingo sowie dem höhensicheren Startenor Juan Diego Flórez geduldig bei der Arbeit zu. Die erledigten alles mit sicherer Routine, bei den Wiener Walzern wie etwa dem sehr rund musizierten Wiener Blut kam zudem eine Spur Neujahrskonzertstimmung auf - wobei allerdings diesmal nicht das Staatsopernballett, sondern das Publikum tanzte, zumindest in den hinteren Reihen.

Verzerrtes Klangbild

Wer das Konzert allerdings aus ausschließlich musikalischen Gründen besuchen wollte, der blieb am Freitag wohl besser bei der Liveübertragung zu Hause. Denn nicht nur, dass die auf den Sitzen zum Auswickeln verteilten Capes ein Dauerknistern wie auf schlecht behandelten Schallplatten erzeugten, bewirkte der Wind oft seltsame Phasing-Effekte, womit das ohnehin durch die topfigen Bässe verunreinigte Klangbild noch mehr verzerrt wurde.

Die passendsten Stücke in diesem primär Wunschkonzertprämissen folgenden Programm, das waren an diesem gar nicht lauen Sommerabend aber die unruhigen, schnellen Sätze, allen voran der zweite Satz aus Schumanns 2. Symphonie op. 62. Wer sich da auf die Umgebung konzentrierte, konnte weit besser als im Konzertsaal die gepeitschte Unruhe spüren, die in dieser Musik steckt. Die musikalischen und die realen Windböen, sie korrelierten auf eine sehr anschauliche und körperlich nachvollziehbare Weise. Beeindruckend allemal. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.7.2006)

Von Robert Spoula
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