Sie wissen nicht, was tun: Art Carnuntum ist eröffnet

2. Juli 2006, 20:42
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Regiemeister Hansgünther Heyme erzählt in einer gleichmütigen, aber leichter werdenden "Elektra" von der lästigen Pflicht der Rache

Petronell - Die Protagonisten der griechischen Tragödien robben seit Samstagabend wieder durch die staubige Erde des Amphitheaters von Petronell-Carnuntum. In Euripides' Elektra treten sie mit ängstlichen Augen hinter verrosteten Schächten hervor, als läge dahinter gleich Bagdad.

Elektra, das arme Geschöpf aus dem verwunschenen Stamm der Atriden, knotzt von ihrem Stiefvater verbannt in der Provinz und sinnt auf Rache für ihren Vater Agamemnon, den seine Gattin Klytaimestra am Gewissen hat. Gemeinsam mit ihrem aus der Verbannung zurückkehrenden Bruder Orestes wird sie den Stiefvater und dann die eigene Mutter töten.

Die Atriden, eine in Blut getränkte Dynastie, die Kinder für Kriegszwecke opfert (Iphigenie für günstigen Wind) und dann verwundert tut, wenn der eigene Kragen dran ist, sie nehmen sich in der Eröffnungspremiere des Antikenfestivals Art Carnuntum wie besinnungslose Spieler aus.

Regisseur Hansgünther Heyme, ein der Piscator-Schule erwachsener Exponent des deutschen Regietheaters, jetzt Intendant in Ludwigshafen, zeichnet keine wütenden Triebtäter, sondern kindliche Scheusale, die für ihr eigenes Schicksal zu klein sind - aber natürlich trotzdem handeln!

Die Rache ist eine lästige Pflicht. Im Gummischurz kauert Elektra zwischen den Steinen. Sie will viel lieber Reigentänze am mykenischen Königshof absolvieren, als fern davon im Schmutz eines Schafbauernhofs sich auszudenken, wie sie wohl den Tod ihres Vaters rächen soll.


Mit Karikatur

Heyme erhellt und erleichtert die Euripidei'sche Version, hier in der Neuübersetzung von Hellmut Flashar. Er wirft die schweren Gewichte des Durchleidens ab, schafft Nüchternheit und setzt Karikaturen drauf. Es scheint, als habe er die Klytaimestra von der Regenbogenparade mitgehen lassen: Der fantastische Schauspieler Peter Kaghanovitch, der wie eine russische Puppe gleich sechs Rollen am Leib trägt, verleiht der insgesamt recht gleichmütigen Inszenierung mit seiner in schwarzem Tüll verpackten Klytaimestra noch einen Höhepunkt.

Der Chor argivischer Mädchen glich einer Abordnung von "Desperate Housewives" mit frisch gefärbten karottenroten Haaren. Sie staksten in silbernen Pumps durch die auf der Amphitheater-Erde gleichmäßig verteilten Steine und rümpften angewidert die Nase, wenn der Bote von der blutigen Eingeweideschau beim Kalbsopfer berichtet.

Piero Bordins Antikenfestival, auf dessen Gästeliste Stars wie Gérard Depardieu oder Peter Brook stehen, bleibt sich selbst treu: Antike, nicht altmodisch, aber ein bisschen echt, bitte. Die nächste von heuer drei Produktionen hat am 14. Juli Premiere: Euripides' Troerinnen. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.7.2006)

Von Margarete Affenzeller
  • Im Spiegel der Dioskuren: Peter Kaghanovitch als Kastor rechtfertigt den Mord des Orestes (Marcus Born, rechts) an seiner Mutter.
    foto: barbara palffy/art carnuntum

    Im Spiegel der Dioskuren: Peter Kaghanovitch als Kastor rechtfertigt den Mord des Orestes (Marcus Born, rechts) an seiner Mutter.

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