Schlafwagen-Mozart

9. Juli 2006, 18:56
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Chick Corea und Ryuichi Sakamoto/Alva Noto beim Jazzfest Wien

Wien - Das Jazzfest Wien ist also wieder über die Stadt gekommen. Um dabei in den ersten Tagen erfreulicherweise (auch) Klänge zu präsentieren, die man hier noch nicht vernommen hat. Im Falle einer "Welturaufführung" (erst die Redundanz bietet kommunikationstheoretische Sicherheit!) liegt das gewissermaßen in der Natur der Sache, selbst wenn der Urheber Festival-Stammgast ist.

Samstags hob nämlich Chick Corea sein im Auftrag des Wiener Mozartjahrs komponiertes zweites Klavierkonzert aus der Taufe: ein rund einstündiges Werk, dessen Titel (The Continents) und sechssätzige Struktur sich - gleichsam als Symbol der globalen kulturellen Wurzeln des Urhebers - an geografischen Gegebenheiten orientieren.

Corea ist damit zweifellos ein wesentlich ambitionierteres Werk als das studienhafte erste Klavierkonzert gelungen - einen großen Wurf bedeutet es nicht. Da vernahm man einen Tonsetzer, der zwar zwischen dem von Flamenco-Allusionen durchpulsten Europe und dem durch ein latineskes Allerweltsthema repräsentierten America um distinkte Charakteristiken bemüht war, dabei jedoch oft in den eigenen Klischees stecken blieb.

Und man vernahm einen Komponisten, der spüren ließ, dass er sich als Improvisator doch wohler fühlt - und dementsprechend das Orchester nicht selten mit der bloßen Einfärbung der Struktur jenes Jazzquartetts beauftragte, das, mit Tim Garland (Saxofon), dem Grazer New York-Exilanten Hans Glawischnig (Bass) und Marcus Gilmore (Schlagzeug) kompetent besetzt, über (allzu) weite Strecken die Hauptrolle übernahm.

Verhuschte Gesten

Emanzipieren konnte sich das Orchester am ehesten noch in den von zerklüfteten, von Schnitten und Brüchen geprägten Ecksätzen Africa und Antarctica, in denen sich Corea auch mitunter solistisch - in schroffen Attacken auf und verhuschten Gesten über die Tastatur - von Routine freispielte.

Was Herr Mozart dazu gesagt hätte? Gefallen hätte ihm wohl der dramaturgische Kunstgriff, zwischen ersten und zweiten Continents-Teil drei Sätze aus seiner Feder zu interpolieren, nämlich jene des c-moll-Klavierkonzerts KV 491. Weniger gefallen hätte ihm vermutlich, wie man seine Noten hier zögerlich aus der Partitur buchstabierte. Das war redundanter Schlafwagen-Mozart, für den auch Coreas Kadenzen kein nachhaltiges Weckmoment darstellten.

Apropos Schlafwagenmusik: Diese unterstellt mancher zurzeit Ryuichi Sakamoto, dem japanischen Stil-Nomaden, der seit 2003 mit Elektroniker Carsten Nicolai alias Alva Noto kollaboriert und dies etwa auf Vrioon (Raster-Noton) hörenswert dokumentiert hat. Wer dem Duo donnerstags im Museumsquartier lauschte, der konnte hören, wie sich in der Verschränkung meditativ entschleunigter Piano-Klänge und Staubsauger-Dubs sowie abstrakter Puls-Kontinuen Gänsehaut-würdige Abgründe auftun können. Zumal wenn die nervös flackernden, gleißend detonierenden Visuals im Hintergrund gänzlich andere Geschichten erzählen als die entrückt tröpfelnden Piano-Töne.

Im Hof des Museumsquartiers absolvierte zuvor noch Singer/Songwriter Raul Midon sein Österreich-Debüt, mit ausdrucksstarker, wendiger Soul-Stimme und elaborierter Gitarristik, deren mannigfaltige Schlagtechniken locker einen Perkussionisten ersetzten. Ja, so kann das Jazzfest Wien weitergehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.7.2006)

Von Andreas Felber


Viennajazz.org
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