Das Medien-"Paradies": Ein Irrgarten

11. Juli 2006, 13:18
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Eine sehenswerte Ausstellung im Zwischenbereich von bildender Kunst und Filmgeschichte gestaltete der französische Altmeister Jean-Luc Godard

"Voyage(s) en Utopie" - "Reise(n) in die Utopie" heißt die Schau im Pariser Centre Pompidou.



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"Aufs Handy" - das ist die neue Erfolgsformel der Medienindustrie. Fußball, Sex, Wetterbericht und Sonderangebote kommen in Zukunft direkt auf das kleine Display auf dem Handtelefon. Filme klappen noch nicht, aber Filmfetzen sind auch schon dabei.

Für Jean-Luc Godard ist das ein Befund, dem er sich nicht verschließen kann: Die Filmgeschichte kommt "aufs Handy", also auf den Hund. In der Ausstellung Voyage(s) en Utopie, die er für das Pariser Centre Georges Pompidou gestaltet hat, läuft alles auf einige Mobiltelefone hinaus, die gekreuzigt an der Wand hängen. Je kleiner das Bild, desto näher könnte es dem Herzen sein.

Das Gegenteil aber ist der Fall. Das Bild ist für Godard das Zeugnis von all den Dingen, die wir uns nicht selbst ausdenken (die geliebten Menschen, die schreckliche Geschichte, das "Andere" in seinen vielfachen Erscheinungsformen). Im Kino konnten die Menschen sich mit diesem Anderen konfrontieren. Inzwischen aber arbeitet die Medienindustrie nach Kräften daran, dass Bilder in jede Hosentasche passen, und auf Knopfdruck funktionieren.

Filmgeschichte(n)

Godard konnte das nicht auf sich sitzen lassen. Deswegen arbeitet er seit längerer Zeit an einer eigenen "Geschichte der Bilder", die in seinem Projekt Histoire(s) du Cinéma den wichtigsten Ausdruck gefunden hat. Nicht an einzelne Filme erinnert er sich dabei, sondern an die Filmgeschichte insgesamt als großen Zusammenhang, in dem Stars und politische Ikonografie, dokumentarische Szenen und künstliche Paradiese, Parolen und Begriffe ständig ineinander übergehen. Die Voyage(s) en Utopie haben dasselbe Ziel, verweigern sich aber einer bestimmten Richtung.

In drei Räumen entwickelt Godard im Centre Georges Pompidou eine Archäologie der audiovisuellen Medien: "Vorgestern", "Gestern" und "Heute" sind die Namen der Themenräume.

Der hellste Raum der Gegenwart mit den riesigen, flachgelegten Flachbildschirmen, auf denen Sport und Pornos zu sehen sind, ist eindeutig ein Ort für Unbehauste. Filmausschnitte und Textpartikel sind quer über alle drei Räume verstreut, wobei Godard eigene Werke und die von geschätzten Künstlern zusammenführt: Henri Matisse, Jean Renoir, Fritz Lang, Francisco Goya, Roberto Rossellini.

Noch immer ist Sarajewo für ihn die Stadt, auf die er gegenwärtig alles bezieht: den Konflikt in Palästina, die Erinnerung an Auschwitz, die Abneigung gegen das imperialistische Amerika. Die Voyage(s) en Utopie sind allerdings, wie im ersten Raum deutlich wird, das Ergebnis einer Verweigerung. Ursprünglich war Godard eingeladen worden, eine wesentlich umfangreichere Ausstellung unter dem Titel Collage(s) de France zu gestalten. Sie wurde abgesagt - "aus finanziellen, technischen und künstlerischen Gründen", wie es offiziell heißt. Im Raum "Vorgestern" sind nun einige Architekturmodelle ausgestellt, die eine Ahnung davon vermitteln, was Godard vorgeschwebt haben mag. Es ist seltsam genug.

Mythische Maschine

Das Kino erscheint in diesen Räumen wie eine große mythische Maschine, die in eine archaische Kulturlandschaft gerät. In einem Wüstenraum sollten Filmbilder auf einen halb zugewehten Ziegelbau projiziert werden. Die Ruinenästhetik erinnert an die Kolonialreisen der Filmpioniere. Möglicherweise dachte Godard an die Präsentationsformen der Weltausstellungen des späten 19. Jahrhunderts, als er diese Räume entwarf. Sie wirken nun wie liebevolles Handwerk in einer Umgebung, die schon ganz von Datenträgern durchwirkt ist. Die Utopie Kino findet Godard in der Mechanik, die im digitalen Zeitalter überholt ist.

Voyage(s) en Utopie lässt das Medienzeitalter der Gegenwart, das den Menschen als Paradies verkauft wird, als Irrgarten erkennbar werden. Die Schau rechnet im Prinzip auch mit dem Centre Georges Pompidou ab, wo die Geschichte der Bilder beharrlich präsentabel gemacht wird, während Godard nicht davon ablassen will, sie höchstpersönlich so umzuschreiben, dass sie auf kein Handy passt. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.7.2006)

Von Bert Rebhandl aus Paris


"Voyage(s) en Utopie" - "Reise(n) in die Utopie"
Bis 14. August
Der vorzügliche Katalog (inklusive DVD mit raren Godard-Kurzfilmen) kostet 44,90 Euro
  • Der hellste Raum der Gegenwart mit den riesigen Flachbildschirmen, auf denen Sport und Pornos zu sehen sind, er ist für Jean-Luc Godard trotz Einladungen zu Heimeligkeit eindeutig ein Ort für Unbehauste.
    foto: centre pompidou

    Der hellste Raum der Gegenwart mit den riesigen Flachbildschirmen, auf denen Sport und Pornos zu sehen sind, er ist für Jean-Luc Godard trotz Einladungen zu Heimeligkeit eindeutig ein Ort für Unbehauste.

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