Kopf des Tages: Ricardo

3. Juli 2006, 11:45
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Melancholiker mit goldenen Händen - Portugals Goalie brachte England wieder zur Verzweiflung

Es brauchte schon ein Elfmeterschießen, um Ricardo wieder ins Bewusstsein der am Fußball interessierten Öffentlichkeit zu rücken. Als erster Torhüter der WM-Geschichte parierte der Schlussmann der Portugiesen am Samstag drei Penaltys während des Showdowns. Und wieder, wie schon vor zwei Jahren im Viertelfinale der EURO, waren Engländer die Leidtragenden des Elfmeterschießens. Damals wurde Ricardo so richtig berühmt, als er nicht nur einen Strafstoß mit bloßen Händen abwehrte, sondern auch noch den entscheidenden Elfer zum Aufstieg der Gastgeber verwertete.

Dabei sind im Bewusstsein von Ricardo Alexandre Martins Soares Pereira, der am 11. Februar 1976 in Montíjo, Distrikt Setúbal, in bescheidene Familienverhältnisse hineingeboren wurde, weit mehr sportliche Niederlagen präsent. Niederlagen, die aus Ricardo einen nachdenklichen Menschen gemacht haben, der sich in den traurigen Liedern der großen Tochter von Montíjo, der Fado-Sängerin Dulce Pontes mit ihren Alben "Lusitana"und "Lagrimas"besser wiederfindet als im Triumphgeheul der lusitanischen Fans.

Begonnen hat Ricardo Alexandre beim CD Montíjo eigentlich als Stürmer. Als solcher war er derart erfolgreich, dass man ihn schnell ins Tor verbannte. Einige Jahre später fand sich er, der stets für Benfica Lissabon geschwärmt hatte, bei Boavista Porto wieder.

Der einzige Meistertitel des kleinen Bruders des großen FC Porto (2001) machte den Mann mit dem fliehenden Kinn und der leisen Stimme für die Nationalmannschaft, die Selecção, interessant. An Vitor Baía, dem Goalie des FC Porto, kam er zunächst nicht vorbei. 2002 sorgte aber nicht zuletzt Baía für das schnelle WM-Aus der Portugiesen. Zwei Jahre später, bei der Heim-EM, war der inzwischen zu Sporting Lissabon gewechselte Ricardo die Nummer eins im Tor.

Die Kritik an dieser Personalentscheidung von Coach Luiz Felipe Scolari war vergessen, als sich Ricardo im Elferschießen des Viertelfinales gegen England seiner Handschuhe entledigte. Er habe einfach etwas anderes ausprobieren wollen, erklärte er danach die Maßnahme, die den Engländer Darius Vassell völlig aus dem Konzept gebracht hatte. Aus Mãozinhas ("kleine Hände"), wie Ricardos Spitzname bis dahin gelautet hatte, waren plötzlich die "Hände aus Gold"geworden. Der Ruhm hielt nur ein paar Tage. Im Finale patzte er beim Siegestor der sensationellen Griechen.

In den Jahren danach hallte Ricardo oft das "Kikeriki"in den Ohren, mit dem sie in Portugal die Goleiros zu verhöhnen pflegen. Zumal in der Saison 2004/05, als er innerhalb einer Woche in Lissabon mit Sporting die Meisterschaft an Benfica und den UEFA-Cup an ZSKA Moskau verlor.

"Held", hat Ricardo einmal gesagt, "ist ein sehr, sehr starkes Wort. Für mich ist es viel zu stark." (Sigi Lützow, DER STANDARD Printausgabe 03.07.2006)

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    Ricardo Alexandre Martins Soares Pereira

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