Wie Zidane war und ist

3. Juli 2006, 16:08
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Frankreich entthronte Weltmeister Brasilien, das 1:0 war redlich verdient - Zinédine Zidane spielte natürlich die Hauptrolle

Das ist also Zinédine Zidane. Wie ihm seine Nummer zehn denn gefallen hat, wurde Raymond Domenech am Samstag knapp vor Mitternacht gefragt, und die Welt wartete gierig auf eine ausufernde Laudatio oder zumindest auf eine mehrstrophige Hymne. Frankreichs Teamchef sagte aber nur: "Das ist eben Zinédine Zidane."

Später dann, es war bereits Sonntag, wurde er ausführlicher. Nach einem 1:0 im Viertelfinale gegen Brasilien entkommt man der Meute nicht so leicht. Schließlich ist sie hartnäckiger als manch finnischer Jagdhund, der ausschließlich darauf dressiert ist, einen Bären, der auch noch Bruno heißt, aufzuspüren. "Zidane kalkuliert nicht, Zidane muss sich nicht mit seiner Zukunft befassen, Zidane ist befreit, Zidane hat keine Angst. Zidane weiß, dass es nach der WM vorbei ist. Zidane tut, was er kann. Zidane spielt einfach nur Fußball", sprach der in Frankreich umstritten gewesene Teamchef.

Domenech, der ein bisserl Richard Gere ähnelt, gewährte einen Einblick in sein Inneres. "Ich bin über 90 Minuten gehüpft, zusammengesunken und wieder aufgesprungen. Ich habe gefiebert, gezittert, gejubelt. Die Alten sind wieder da. Wir werden sehen, wohin die Reise uns führt."Dass Zidane der Reiseleiter ist, hat er so leider nicht gesagt, dabei wäre es eine schöne Auflage gewesen. "Es war nicht das Spiel des Zidane und der anderen, sondern jenes des Zidane unter den anderen."

Das ist also Zinédine Zidane. Und das Frankfurter Stadion hat eigentlich drei Namen. Die Eintracht-Fans nennen es immer noch Wald-Stadion, der Sponsor besteht auf Commerzbank-Arena, die FIFA ruft es bis zum 9. Juli, dem finalen Tag, WM-Arena. Würde ein Gebäude leben, fühlen und denken, müsste dieses den Psychologen aufsuchen, damit es sich selbst nicht niederreißt. Ein neutraler wie gütlicher Vorschlag lautet: Zidane-Park.

Lehrbub Ronaldinho

Da waren nämlich diese 90 Minuten plus Nachspielzeit gegen Brasilien. Zidane nahm von der ersten Minute an das Heft in die Hand, also den Ball an und auf die Füße. Er dribbelte, ferselte, schlug geniale Pässe, schaffte Raum für seine kaum minder furiosen Kollegen (Vieira, Ribery usw.). Er schickte Thierry Henry immer wieder auf Reisen, scheute weder Zwei-, Drei- noch Vierkämpfe. Auch einem 34-Jährigen ist mitunter ein robuster Köper gegeben. Weshalb er quasi am Zenit seiner Karriere aufhört, ist für den globalen Kick schlimm, geht aber nur Zidane etwas an.

Er hatte 79 Ballkontakte, um ein Drittel mehr als Ronaldinho auf der anderen Seite. Der sah im direkten Vergleich wie ein Lehrbub im zweiten Ausbildungsjahr aus, und Ronaldinho ist der aktuelle Weltfußballer. Da staunte selbst Herr Pelé, Franz Beckenbauers brasilianischer Busenfreund: "So eine Leistung hätte ich Zidane nicht mehr zugetraut. Der könnte ja noch bis 40 spielen, fit wie er ist."

Das ist also Zinédine Zidane. Brasiliens (Ex)-Teamchef Carlos Alberto Parreira hatte ein böse Ahnung: "Wir wussten, dass uns Zidane und Henry vor große Probleme stellen können."Das größte trug sich in der 57. Minute zu, als Henry eine Freistoß-Flanke Zidanes ins Tor vollierte. So ist wiederum Thierry Henry. Parreira: "Wir waren nicht da- rauf vorbereitet auszuscheiden. Aber wir hatten zu viele Defizite."

Vifzack FIFA

Die Technische Studiengruppe der FIFA hat Zidane zum "Man of the Match"gewählt, dem Weltverband ist rein gar nichts entgangen. In der Begründung hieß es: "Seine Laufarbeit war brillant, seine Pässe waren zentimetergenau, er war im wahrsten Sinne der Herrscher im Mittelfeld. Diese französische Mannschaft hat noch nie so gut gespielt wie heute, und das ist einzig und allein Zidane zu verdanken."

So war also Zinédine Zidane gegen Brasilien. Gesagt hat er dann nicht allzu viel. "Ich habe keine Lust, jetzt noch aus dem Turnier auszuscheiden. Es ist einfach zu schön und macht riesigen Spaß."Ihm wurde von der FIFA als Anerkennung ein urtoller Zinnbecher geschenkt. Davor ist nicht einmal ein Zinédine Zidane gefeit. Er erschien im grauen Anzug und mit blauer Krawatte zum obligatorischen Fototermin. Fragen wollte der Weltmeister von 1998 keine gestellt bekommen, das hatte er sich davor ausbedungen.

Am Mittwoch wird er im Halbfinale gegen Portugal Antworten geben. Auf dem Fußballfeld in München. Domenech: "So ist eben Zidane." (DER STANDARD Printausgabe 03.07.2006)

Christian Hackl aus Frankfurt
  • Auch der Ball ist am liebsten dort, wo er am besten behandelt wird, also bei Zinédine Zidane, der gegen die Brasilianer aufgeigte, dass ihnen Hören, Sehen und die Chance auf die Titelverteidigung verging.
    foto:epa/weißbrod

    Auch der Ball ist am liebsten dort, wo er am besten behandelt wird, also bei Zinédine Zidane, der gegen die Brasilianer aufgeigte, dass ihnen Hören, Sehen und die Chance auf die Titelverteidigung verging.

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