Albtraum von PR-Agenturen: Kein Pressetermin ohne hungrige "Earls"

26. Juli 2006, 13:37
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Vom erfolgreichen Versuch, sich gegen organisiert-professionelle "Mitesser" zu wehren: Die "Earls of Sandwich" sind fixer Bestandteil von Pressekonferenzen

Nach dem dritten Nachfragen reichte es Helmut T.: "Das ist mir nun schon zu blöd, was sonst noch alles?", mailte der (nach Eigendefinition) Internetjournalist - und teilte Manuela Kager mit, was ihr nun blühe: "Wir geben ihnen hiermit keine entsprechende mediale Unterstützung." Und obwohl die PR-Expertin von "Reichl & Partner" doch "mediale Unterstützung" suchte, war sie erfreut: "Einer weniger."

Denn Helmut T. ist ein "Earl of Sandwich". Einer jener Mitbürger, die der Horror jedes Veranstalters von Presse-Events sind, bei denen die Aussicht auf gutes Essen besteht: ein gut organisierter, hungriger Heuschreckenschwarm, der Termindatenbanken durchforstet.

Beliebter Haubenkoch

Als Kager im kleinen Rahmen einen Haubenkoch vorkochen ließ, bat sie schon in ihrer Aussendung über "pressetext.at" um Akkreditierung. Helmut T. meldete sich als einer der ersten. Er gab unterschiedlichste Medien an, "vergaß" freilich auf zugehörige Webadressen.

Eine davon war InfoTimes: Unter infotimes.at gibt es sogar Verknüpfungen (u. a.: Medien, Hightech, Business, Society). Bloß: Die sind inaktiv. Außer einer Studie über den Nutzen von Neuen Medien steht hier nichts.

Auch Iris B. und Erika Z. meldeten sich als Redakteurinnen von Interessant. Das Magazin an. Sie schickten auf Nachfrage einen eingescannten Artikel. "Zufällig" waren beim Scannen aber alle Seitenränder so abgeschnitten worden, dass jede Zuordnung unmöglich ist. Googelt man Interessant. Das Magazin, erhält man zwei Treffer. Beide stehen bei dem (jedem zugänglichen) "pressetext.at" unter "diese Medien haben Informationen bezogen".

Unter dem Firmennamen STIP bat auch Ernst I. um einen Essplatz: STIP liefere "Hintergrundinformationen" - und zwar über www.pr-inside.com. Dort kann jedermann Texte ins Blaue des Webs stellen.

Empörung

Eine stadtbekannte "Mitesserin" ist vor Ort "über diese freche Unterstellung" empört: Sie arbeite für die Internationale Presseagentur. Welche? "Die heißt so. Firmensitz London. Fleetstreet 4. Mehr erfahren sie von mir nicht." Die Adresse gibt es in dieser Form nicht. Eine ähnlich klingende steht aber für die "internationale Presseagentur": Reuters - und die ist vor Jahren nach Canary Wharf gezogen.

Auch mit "Presseausweisen" können Earls dienen: Nachfragende Zutrittskontrollore bekommen Akkreditierungsausweise anderer Veranstaltungen vor den Latz geknallt - oder auf Heim-PC-Druckern ausgedruckte "Businesskarten" real existierender Medien.

Kager war es nach "einer Hand voll seltsamer Anmeldungen" auch "zu blöd": Sie stellte einen Muskel im Anzug an die Tür. Und der zählte mit: Mehr als 20 ältere Herrschaften versuchten (teils mehrmals) , als "Journalisten" an ihm vorbei zu kommen. Etwa zwölf "echte" Medienvertreter kamen. Der Saal fasste 50 Personen. Aber die Earls kamen alle sehr pünktlich.(Thomas Rottenberg/DER STANDARD; Printausgabe, 3.7.2006)

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