Zwischen Erwartungen und Nebensachen

24. August 2006, 12:30
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Im Lesebuch "Schwesterherz - Schwesterschmerz" wird die Konstruktion der Schwesterlichkeit und Schwesternschaft beleuchtet

Wir alle halten es für den Normalfall, dass Schwestern harmonisch miteinander verbunden sind - und fallen damit dem kulturellen Stereotyp zum Opfer, konstatieren die Autorinnen Corinna Onnen-Isemann und Gertrud Maria Rösch in ihrem schmalzig betitelten Buch "Schwesterherz - Schwesterschmerz". Die beiden haben der biologischen Schwesternschaft und ihrer emotionalen Komponente, der Schwesterlichkeit, ein Les-Mal gesetzt, denn die weibliche Form der Brüderlichkeit sei in der Wissenschaft, der Familienforschung zum Beispiel, als auch in Film, Literatur und Co., stiefschwesterlich behandelt, wie die Autorinnen befanden.

Auseinandergehen statt dauerhafter Harmonisierung

Vorliegt nun ein Buch, das einerseits einer Studie und ihren Ergebnissen viel Raum lässt, ohne dabei den Ton der Wissenschaftlichkeit zu treffen, und andererseits die Darstellung der Schwesternschaft-/lichkeit in kulturellen Derivaten anspricht. Und das ist spannend. Von geschichtlichen bis mythisierten Frauenfiguren wie Sisi und ihrer unbekannten Schwester Helene über Repräsentationen von Schwesterpaaren in der darstellenden Kunst wie Sullys "The Leland Sisters", von literarischen Matrizen á la "Schneeweisschen und Rosenrot" über tragende Schwesternrollen im Film (Stichwort Bette Davis und Joan Crawford als die Hudson-Schwestern) hin zur Auffassung der Schwesterlichkeit in der Psychologie spannen die Autorinnen einen Bogen, in dem Auseinandersetzung mit interessanten Fragen möglich ist. Über die in den jeweiligen Epochen tradierte Idealisierung des Frauenbildes anhand des Wertes der Schwesternschaft, der Solidarität immanent ist, davon ausgehend Stereotypenbildung, die Frauen als Gruppe betreffend, als deviant aufgefasste Formen, wenn frau sich wider der Erwartung zu verhalten scheint. "Männliche" Schwestern, "weibliche" Schwestern, Rivalitäten, Auseinandergehen statt dauerhafter Harmonisierung - Onnen-Isemann und Rösch geben skizzenhaften Einblick anhand Porträts oben genannter und etlichen mehr Frauenfiguren der Vergangenheit.

Lebenshilfe

Was die Gegenwart anbelangt: die einzufangen, bedienten sich die Autorinnen 101 Interviews mit Schwestern, die sie - gut strukturiert, aber eine als unbefüttert zurücklassend - als "Schwestern-Studie" einfließen ließen. Da lesen sich dann O-Ton-Auszüge zu Themen wie Streit und Versöhnung, Bindung, Familienhierarchien und -zusammenleben, Eifersucht. In manchem wird frau sich widerfinden können. Es schwingt allzu deutlich der Wer's braucht-Tenor aus der Lebenshilfe-Magengrube: Das Verbindende stärken, ohne das Trennende zu negieren! Dennoch, das Lesebuch wird ins Bücherregal eingeordnet, auf dass es mehr oder weniger ruhige Jahre durchsteht. (bto)

  • Corinna Onnen-Isemann und Gertrud Maria RöschSchwesterherz - Schwesterschmerz Schwestern zwischen Solidarität und Rivalität

2006, 192 Seiten 
ISBN 3-636-06255-7
Euro 15,90Linkmvg Verlag
    bild: cover schwesterherz schwesterschmerz
    Corinna Onnen-Isemann und Gertrud Maria Rösch
    Schwesterherz - Schwesterschmerz
    Schwestern zwischen Solidarität und Rivalität

    2006, 192 Seiten
    ISBN 3-636-06255-7
    Euro 15,90

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    mvg Verlag
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