Englische Elferdepression

3. Juli 2006, 11:45
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Scheidender Teamchef Eriksson macht die Un­beherrschtheit des aus­geschlossenen Rooney für das Scheitern verantwortlich - Beckham tritt als Kapitän zurück

Gelsenkirchen - John Terry heulte wie ein Schlosshund, David Beckham war erschüttert und Teamchef Sven-Göran Eriksson zeigte sich geschockt. Nach einem dramatischen Viertelfinal-Krimi gegen Portugal endete der WM-Traum des englischen Fußball-Nationalteams zum wiederholten Male in einem Elfmeter-Desaster. "Wir haben versagt. Diese Niederlage tut höllisch weh", brachte Eriksson nach dem schrecklichen Ende seiner fünfeinhalbjährigen Amtszeit hervor.

"Ich fühle mich hundeelend", stotterte Steven Gerrard. Aus der Traum vom ersten WM-Titel seit 40 Jahren - zum dritten Mal seit 1990 zogen die Three Lions in der Elfmeter-Lotterie bei einer WM eine Niete und mussten nach dem bitteren 1:3 Portugal den Vortritt ins Halbfinale gegen Frankreich lassen.

Im Mutterland des Fußballs herrschte nach dem insgesamt sogar fünften Elfmeter-K.o. bei großen Turnieren Untergangsstimmung. "Das Ende der Welt", klagte der "Sunday Express". "Tapferes England leidet wieder im Elfmeterschießen", schrieb die "Times". Das Massenblatt "The Sun" titelte "Es ist vorbei" und stellte Wayne Rooney an den Pranger: "Unsere Träume in Ruinen."

Ausgerechnet der 20-jährige Stürmerstar von Manchester United, der nach ausgeheiltem Mittelfußbruch Englands Titelhoffnungen trug, war zum Sünder geworden. "Alles lief nach Plan. Wir hatten das Spiel im Griff, aber dann ging alles schief. Ein Mann weniger, das kostete Energie", erklärte Eriksson. In der 62. Minute sah Rooney Rot, als er vor den Augen von Schiedsrichter Horacio Elizondo den am Boden liegenden Ricardo Carvalho in den Unterleib trat und danach seinen ManU-Kollegen Cristiano Ronaldo umstieß.

"Über die Rote Karte können wir uns nicht beschweren. Ich bin wütend", machte Eriksson keinen Hehl aus seinem Zorn über Rooneys Frustreaktion. Sein Team habe in Unterzahl Charakter gezeigt und gekämpft, "aber im Elfmeterschießen mussten wir für unseren Kraftakt bezahlen." Auch der erneut enttäuschende Frank Lampard, der ebenfalls einen Elfer vergab, bestätigte: "Wir hatten nichts mehr im Tank."

Wortlos, mit einem blauen Müllsack auf dem Rücken und begleitet von zwei Bodyguards ging Rooney nach Spielende an den Journalisten vorbei als erster in den Mannschaftsbus. "Mit Rooneys Ausschluss nahm das Unglück seinen Lauf", bestätigte auch Geoff Hurst, Schütze des legendären Wembley-Tors beim WM-Triumph 1966 der "Sun".

Kollegen stehen hinter Rooney,
Beckham tritt ab

Die Teamkollegen machten dem Heißsporn keinen Vorwurf. "Wayne steckt das weg. Er ist unsere Zukunft", meinte Beckham, der in der 58. Minute wegen einer Knieblessur vom Platz musste und auf der Ersatzbank in Tränen ausbrach. "Wir alle sind am Boden zerstört", erklärte er nach seinem womöglich letzten WM-Spiel.

Einen Tag nach dem Spiel trat er als Kapitän zurück, wird aber weiter für das Team spielen. "Ich fühle, dass die Zeit reif ist, die Schleife weiterzugeben. Wir starten schließlich auch in eine neue Ära unter Coach Steve McClaren", erklärte der 31-Jährige den Tränen nahe im Rahmen einer Pressekonferenz. Beckham hatte England über einen Zeitraum von sechs Jahren als Kapitän aufs Feld geführt.

1998 gegen Argentinien war er als bis dato letzter Engländer bei einer WM selbst ausgeschlossen worden und in der englischen Öffentlichkeit in Ungnade gefallen. Rooney droht nun ein ähnliches Schicksal. Seine Rote Karte habe keinen massiven Einfluss gehabt, meinte hingegen Owen Hargreaves und fasste das Entsetzen der Engländer in Worte: "Es ist eine Schande. Wir müssen heim. Damit hat keiner von uns gerechnet." Der Bayern München-Legionär absolvierte sein bisher bestes Spiel für England und wurde von den rund 30.000 englischen Fans mit Sprechchören gefeiert.

Der gebürtige Kanadier behielt auch als einziger Engländer beim Test vom Punkt die Nerven. Frank Lampard, Steven Gerrard und Jamie Carragher im zweiten Versuch ("Ich wusste nicht, dass der Ball freigegeben werden muss") scheiterten an Ricardo. Englands Elfmeter-Albtraum als endlose Geschichte - drei Mal bei WM-Turnieren (1990, 1998 und 2006) und zwei Mal bei einer EM (1996 und 2004) gescheitert. Eriksson war ratlos: "Wir haben sehr viele Elfmeter geübt. Ich weiß nicht, was wir noch hätten tun sollen."

Der 58-Jährige, dessen Job sein bisheriger Assistent Steve McClaren übernimmt, hatte wie beim EM-Viertelfinale vor zwei Jahren in Lissabon wieder kein Elferglück und war erneut der große Verlierer im Trainerduell mit Luiz Felipe Scolari. "Eriksson hat die falsche Mannschaft ausgewählt", kritisierte Englands ehemaliger Top-Torjäger Gary Lineker in der BBC. (APA/dpa/Reuters)

Englands Elfmeterpleiten:

  • 1990 WM-Halbfinale vs GER: 3:4 (1:1 n.V.)
  • 1996 EM-Halbfinale vs GER: 5:6 (1:1 n.V.)
  • 1998 WM-Achtelfinale vs ARG: 3:4 (2:2 n.V.)
  • 2004 EM-Viertelfinale vs POR: 5:6 (2:2 n.V.)
  • 2006 WM-Viertelfinale vs POR: 1:3 (0:0 n.V.)
    • Bild nicht mehr verfügbar

      David Beckham war immer noch ordentlich bedient, als er am Tag nach dem Ausscheiden Englands seinen Rücktritt als Teamkapitän bekannt gab.

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