Ehenötigung wird Offizialdelikt

3. Juli 2006, 13:39
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Gesetzesnovelle soll mehr Anzeigen und Urteile bei Zwangsheiraten ermöglichen - Mangelnder Schutz für Betroffene

Wien - Jährlich werden vermutlich hunderte Mädchen und Buben gegen ihren Willen zwangsverheiratet. Zu Anzeigen und Verurteilungen ist es in Österreich bisher aber kaum gekommen. Seit 1975 wurden lediglich sieben Personen verurteilt. Der Grund dafür liegt auf der Hand - Ehenötigung geht in den meisten Fällen von den Eltern aus und die Betroffenen sind selten bereit, die eigene Mutter und den eigenen Vater anzuzeigen, erklärte Gül Ayse Basari von der in erster Linie auf türkische Frauen spezialisierten Beratungsstelle "Orientexpress" in Wien-Leopoldstadt.

Offizialdelikt

Mit einer nun (1. Juli) in Kraft getretenen Gesetzesänderung könnte sich das ändern. Denn Ehenötigung und gefährliche Drohung in der Familie wurden mit der Gesetzesnovelle von einem Privatanklagedelikt in einem Offizialdelikt umgewandelt und können damit auch ohne die Zustimmung des Opfers geahndet werden. Eine Anzeige kann damit auch vom Jugendamt erstattet werden.

Situation der Betroffenen

Die Probleme der Betroffenen sind damit freilich nicht gelöst. In den meisten Fällen stamme eines der Opfer - Basari betont, dass es für die Frau und den Mann eine Zwangsehe ist - aus dem Heimatland und sei in Österreich ohne Sprachkenntnisse und Bekannte völlig isoliert. Die Familienbande sind dabei sehr stark. "Es ist sehr üblich, dass Cousin und Cousine verheiratet werden", so Basari. Die Eheleute würden oft schon in Kindesalter für einander bestimmt.

Begründet sei die Zwangheirat in erster Linie mit der "Familienehre", erklärte die Beraterin. Die Eltern wollen ihre Töchter "rein halten und beschützen". Sie wollen die Mädchen "schnell verheiraten, damit ihre Ehre nicht beschmutzt wird. Die Eltern haben Angst, dass ihre Kinder von der europäischen Kultur beeinflusst werden könnten", so Basari.

Gewalt in der Ehe

Zwangsverheiratungen werden daher von den Behörden oft nicht als Gewalt angesehen, sondern als "kulturelle Angelegenheit", kritisierte Basarai und betonte, dass "Zwangsheirat Gewalt ist und man sich einmischen muss". Für die Frauen bedeute die Hochzeitsnacht oft Vergewaltigung, und im Verlauf der Ehe würden sie geschlagen und "wie Sklavinnen" behandelt, gab Basari zu bedenken.

Präventivarbeit

Besonders gefährdet seien Mädchen ab 15 Jahren, "wenn sie mit der Schule fertig sind", sagte Basari. Die meisten Hochzeiten würden während der Sommerferien in den Heimatländern arrangiert. Die BeraterInnen versuchen daher, die Mädchen vor der drohenden Zwangheirat in der Schule zu erreichen und setzen auf Präventivarbeit.

Basari bemängelte aber, dass es in Wien keine eigene Schutzeinrichtung für betroffene Frauen gebe. Besondere Probleme habe man mit Minderjährigen, die von ihren Eltern stark beeinflusst würden, so Basari. Die Berater führen zwar mit den Müttern Gespräche, mit den Vätern sei es aber "sehr schwer - die Väter hassen uns", so die Beraterin, die oft persönlich mit Bedrohungen konfrontiert ist.

Zahlen fehlen

Zahlen über Zwangsehen gibt es keine, die Beratungsstelle "Orientexpress" hatte im Vorjahr 46 Klientinnen, 25 davon waren von einer Zwangsheirat bedroht und 21 bereits verheiratet. Betroffen sind dabei nicht nur türkische Frauen, Zwangheirat sei auch in Pakistan, Indien und den arabischen Ländern üblich, so Basari. Im Vorjahr habe man sogar einen Fall aus Griechenland und Bosnien gehabt. (APA)

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