Ricardo stoppt England

2. Juli 2006, 13:28
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Die Iberer siegten dank dem Keeper im Elferschießen gegen die Lions - Rooney sah in der zweiten Halbzeit Rot

Gelsenkirchen - Portugal steht erstmals seit 1966 im Halbfinale der Fußball-WM. Mit einem 3:1 im Elfmeterschießen im Viertelfinale in Gelsenkirchen warfen die Südeuropäer ihren "Lieblingsgegner" England aus dem Bewerb. Nach 120 torlosen Minuten avancierte im Elfmeterschießen Ricardo zum Helden der Sieger, der Goalie und "Elferkiller" entschärfte die drei Elfer von Lampard, Gerrard und Carragher.

Die Engländer, die auf den zweiten Titel der Geschichte nach 1966 gehofft hatten, mussten ab der 62. Minute in numerischer Unterzahl spielen, denn Starstürmer Rooney flog nach einer Tätlichkeit mit Rot vom Platz. Wie im Viertelfinale der EM 2004 zwischen diesen beiden Teams hatte der Aufsteiger im Elferschießen ermittelt werden müssen, wieder hatten die Südeuropäer das bessere Ende für sich. Damals hatte Ricardo die Elfer von Beckham und Vassell entschärft und den entscheidenden Penalty sogar selbst verwertet.

Die Portugiesen treffen im Halbfinale am Mittwoch (21 Uhr) in München auf den Sieger der Samstag-Abendpartie Brasilien - Frankreich. Bereits am Dienstag stehen einander in Dortmund die dreifachen Weltmeister Deutschland und Italien gegenüber. Das Finale findet dann am Sonntag, 9. Juli, in Berlin statt.

Sven-Göran Eriksson schickte mit Rooney nur einen Stürmer in die Partie, hinter dem 20-Jährigen operierte mit Beckham, Lampard, Hargraeves, Gerrard und J. Cole eine geballte Mittelfeldladung. Luiz Felipe Scolari war auf Grund der Sperren von Costinha und Deco zu zwei Veränderungen gezwungen, das Duo Petit und Tiago sprang in die Bresche. Cristiano Ronaldo hatte sich von seiner in der Härteschlacht gegen die Niederlande erlittenen Oberschenkelblessur rechtzeitig erholt.

Bei knapp 30 Grad Celsius unter dem neuerlich geschlossenen Dach der Arena Gelsenkirchen (fünftes und letztes WM-Match) hatten auf den Rängen ganz deutlich die mehr als 30.000 Engländer das Sagen. Weitere 50.000 bis 60.000 Briten hatten sich auch ohne Ticket nicht von einer Reise in den Ruhrpott abhalten lassen.

Auf dem Platz waren die Kräfteverhältnisse hingegen ausgeglichen. Ähnlich wie bei Deutschland - Argentinien ging es intensiv zur Sache, beiden Teams bot sich kaum Raum zur Entfaltung. Der Unterhaltungsfaktor war jedoch 20 Minuten lang deutlich höher als einen Tag zuvor, denn die Partie wogte bei hohem Tempo hin und her. Die ersten Akzente setzten die Jungstars Rooney (9.) und Ronaldo (10., 19.) mit Distanzschüssen.

Dann stieg jedoch die Angst vor einem Gegentor minütlich, ein gefühlvoller Schlenzer von Figo vorbei am rechten Kreuzeck (39.) sowie ein von Ricardo problemlos parierter Weitschuss von Lampard (45.) waren die besten Möglichkeiten im Finish der ersten 45 Minuten.

Für Englands Kapitän Beckham war der Arbeitstag bereits nach 52 Minuten zu Ende. Mit Schmerzen und sichtlich völlig ausgepumpt machte der Flankengott, der sich im Achtelfinale gegen Ecuador auf dem Feld übergeben hatte müssen, dem 19-jährigen Flügelflitzer Lennon Platz. Sekunden später setzte Lampard einen Volley-Aufsetzer übers Tor (53.).

Gleich bei seiner ersten Aktion zeigte Lennon, die englische Antwort auf den Deutschen Odonkor, was in ihm steckt. Nach einem Sturmlauf des Tottenham-Spielers auf der rechten Seite traf Rooney den Ball nicht richtig und Joe Cole schoss aus rund zehn Metern drüber (58.). Nur zehn Minuten nach Beckham verloren die Engländer mit Rooney den nächsten Superstar. Nach einem intensiven Zweikampf mit Carvalho entschied der argentinische Referee Elizondo auf Tätlichkeit, Rooney soll absichtlich nachgetreten und dann auch noch Ronaldo attackiert haben (62.).

In numerischer Überlegenheit erhöhten Figo und Co. den Druck nur dezent. Robinson entschärfte einen Figo-Schlenzer (78.) und einen Viana-Schuss (82.), Valente wurde im letzten Moment von Ferdinand gebremst (79.). Aber auch die Engländer hatten in der regulären Spielzeit noch zwei Chancen auf die Entscheidung. Ricardo konnte einen Lampard-Freistoß nicht bändigen, der Abstauber von Lennon fiel viel zu schwach aus (83.). Und kurz vor der Verlängerung verpasste ein Schuss von Terry aus kurzer Distanz nur knapp das Tor.

In den 30 Minuten "Overtime" probierte Portugal eine Art Powerplay aufzuziehen, mehr als ein Ronaldo-Schuss (105./drüber), ein Abseitstor von Postiga (108.) und ein Maniche-Schuss (121./drüber) schauten jedoch nicht heraus. In der 107. Minute hatten die Portugiesen Glück, denn Valente brachte Lennon im Strafraum zu Fall, der Elferpfiff blieb jedoch aus.

Seit dem bisher einzigen WM-Triumph der Engländer 1966 hat sich Portugal zu einem Angstgegner entwickelt. Seit 40 Jahren haben die Portugiesen die "Three Lions" in großen Turnieren stets gezähmt. 1986 gab es bei der WM einen 1:0-Sieg, bei der EM 2000 war es ein 3:2-Erfolg und vor zwei Jahren bei der EM in Portugal setzte man sich im Viertelfinale 6:5 nach Elfmeterschießen durch. Außerdem hatte Scolari auch die bisherigen zwei Duelle der Star-Trainer mit Sven-Göran Eriksson gewonnen und mit Brasilien 2002 (WM) und mit Portugal 2004 (EM) die Engländer aus dem Bewerb geworfen.

Für Fußball-Portugal bleibt damit Gelsenkirchen ein sensationell erfolgreiches Pflaster. 2004 hatte sich der FC Porto "AufSchalke" zum Champions-League-Sieger gekrönt, in der Vorrunde der laufenden WM hatte das Nationalteam Mexiko 2:1 bezwungen. (APA)

  • England - Portugal 0:0, 1:3 nach Elfmeterschießen
    FIFA-WM-Stadion Gelsenkirchen, 52.000 (ausverkauft), Horacio Elizondo (ARG).

    England: Robinson - Neville, Ferdinand, Terry, A. Cole - Beckham (52. Lennon/119. Carragher), Lampard, Hargreaves, Gerrard, J. Cole (65. Crouch) - Rooney

    Portugal: Ricardo - Miguel, Meira, Carvalho, Valente - Tiago (74. Viana), Figo (86. Postiga), Petit, Maniche, C. Ronaldo - Pauleta (63. Simao)

    Rote Karte: Rooney (62./Tätlichkeit)
    Gelbe Karten: Terry (2. Gelbe), Hargreaves bzw. Petit (2. Gelbe), Carvalho

  • Elfmeterschießen:
    Simao (Portugal) trifft zum 0:1
    Lampard (England) vergibt (Ricardo hält)
    Viana (Portugal) vergibt (Stange)
    Hargreaves (England) trifft zum 1:1
    Petit (Portugal) vergibt (neben Tor)
    Gerrard (England) vergibt (Ricardo hält)
    Postiga (Portugal) trifft zum 1:2
    Carragher (England) vergibt (Ricardo hält)
    Ronaldo (Portugal) trifft zum 1:3
    • Bild nicht mehr verfügbar

      Portugals Held Ricardo im Einsatz

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