Bayern: Urlauber stornieren Buchungen

21. Juli 2006, 16:13
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35 Absagen in Schliersee - "JJ1" wurde eigentlich in der Gemeinde Bayrisch-Zell abgeschossen - Protestzug in Berlin

Schliersee - Der Abschuss von Braunbär "Bruno" in den bayerischen Alpen sorgt weiter für heftige Emotionen. Urlauber stornierten ihren Urlaub in Schliersee, wie der Leiter der Kurbetriebe, Matthias Schrön, am Samstag bestätigte. Bis Freitag seien 35 Absagen eingegangen. Dabei sei die Gemeinde an der Abschussentscheidung nicht im Geringsten beteiligt gewesen.

"Prügelknaben"

"Wir fühlen uns wie die Prügelknaben, die den Kopf hinhalten müssen, obwohl wir nicht dabei waren." Der Bär habe sich bei seinen Wanderungen im österreichisch-bayerischen Grenzgebiet zufällig gerade in der Region aufgehalten.

Tatsächlich war der Bär am Montag im Morgengrauen nicht einmal auf Schlierseer Gebiet erlegt worden, sondern auf dem direkt angrenzenden Gebiet der Gemeinde Bayrischzell. In Schliersee fand allerdings die Pressekonferenz nach dem Abschuss des aus dem italienischen Trentino stammenden Bären mit dem offiziellen Namen "JJ1" statt. Beide Gemeinden hätten mit der Abschussgenehmigung des Umweltministeriums und dem Abschuss durch ein staatlich beauftragtes Sicherheitsteam nichts zu tun gehabt, unterstrich Schrön.

"Bei Mördern wollen wir kein Urlaub machen"

Dennoch häufen sich in den Internet-Gästebüchern der beiden oberbayerischen Ferienorte wütende Einträge. "Urlaub in Bayern? Nö!", ist dort zu lesen, und: "Bei Mördern wollen wir kein Urlaub machen. Wir reisen ab - und kommen nie wieder!" Andere Stimmen mahnen hingegen zu Mäßigung: "Was kann denn die Gemeinde Schliersee dafür, dass "JJ1" geschossen wurde! Also lasst mal die Kirche im Dorf und besucht weiter Bayern! Und Schliersee hat eine schöne Kirche!"

Wirtschaftlicher Schaden nicht absehbar

Es gebe allerdings auch Touristen, die nach dem Abschuss erleichtert seien - sie hätten Angst gehabt, sagte Schrön. Erst in etwa einem Jahr werde absehbar sein, ob in Schliersee tatsächlich ein wirtschaftlicher Schaden entstanden sei. Schliersee zählt im Jahr durchschnittlich 500.000 Übernachtungen.

Gegen Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf (CSU), seine Mitarbeiter und die Jäger gibt es wegen "Brunos" Abschuss eine Reihe von Strafanzeigen. Die Staatsanwaltschaft München II will frühestens Ende der kommenden Woche entscheiden, ob ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird.

Berlin: "Bruno"-Fans demonstrierten gegen die Jagd

Fans von "Bruno" haben am Samstag außerdem in Berlin demonstriert. Nach Veranstalterangaben zogen etwa 300 Menschen vom Berliner Dom zum Gendarmenmarkt, um dort die Abschaffung der Jagd zu fordern. Nach Polizeiangaben waren es hundert Teilnehmer.

Die Beweiskette sei eindeutig, dass "Bruno" alias "JJ1" zu Unrecht erschossen wurde, sagte Demonstrationsleiter Kurt Eicher auf Anfrage. Er warf der bayerischen Staatsregierung vor, mit dem Abschuss gegen das Artenschutzabkommen verstoßen zu haben. An der Spitze begleitete ein Mann im Bärenkostüm den Demonstrationszug. (APA/dpa)

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