Bin Laden ruft zu Gewalt gegen irakische Schiiten auf

6. Juli 2006, 15:17
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68 Tote und über 100 Verletzte bei Anschlag in Bagdad - Terroristen lehnen Versöhnungsplan der Regierung ab

Bagdad/Kairo - Mit einem verheerenden Anschlag auf Zivilisten in einem Schiiten-Viertel von Bagdad hat die Gewalt zwischen irakischen Schiiten und Sunniten am Wochenende einen neuen Höhepunkt erreicht. 68 Menschen starben, als eine Bombe am Samstag in dem Vorort Sadr-City explodierte. 102 weitere Menschen erlitten nach Angaben des Gesundheitsministeriums zum Teil schwere Verletzungen. Der arabische Nachrichtensender Al-Jazeera veröffentlichte zudem in der Nacht zum Sonntag eine Audiodatei, auf der offenbar Al-Kaida-Chef Osama bin Laden erstmals den Schiiten im Irak mit Gewalt droht.

"Die schiitischen Regionen sollen nicht sicher"

"Die schiitischen Regionen im Süden des Irak sollen nicht sicher sein, wenn die Liquidierung der Sunniten nicht aufhört", heißt es auf dem Tonband. Die Schiiten müssten bestraft werden, da sie gemeinsam mit den USA und ihren Verbündeten sunnitische Städte wie Mosul, Falluja und Ramadi angriffen, fordert die Bin Laden zugeschriebene Stimme.

Dies wäre das erste Mal, dass der Al-Kaida-Chef eine derart aggressive Haltung gegenüber schiitischen Moslems zeigt. Allerdings bedrohte der Terroristenchef in der Tonbandbotschaft auch die sunnitische Islamische Partei, weil sie seit dem Frühjahr an der irakischen Regierung beteiligt ist. Alle Angehörigen der Regierungsparteien seien Angriffsziele.

Terroristen lehnen Versöhnungsplan der Regierung ab

Zwei Rebellengruppen im Irak haben am Sonntag dem Versöhnungsplan der Regierung eine Absage erteilt. Ein Sprecher des Islamischen Heeres sagte dem Fernsehsender Al-Jazeera, die Iraker behielten sich das Recht vor, die Besatzer zu bekämpfen. Einem Plan, der zur Einstellung der Gewalt aufrufe, könne man nicht zustimmen.

Wenn die Amerikaner es ernst meinten, sei man zu Verhandlungen bereit, allerdings nur als gleichberechtigter Gesprächspartner, sagte der Sprecher Ibrahim al-Shammari weiter. Auch ein Sprecher der Revolutionären Brigade 1920 wies die Initiative von Ministerpräsident Nuri al-Maliki zurück. Der Regierungschef habe in seinem Plan die Besatzung nicht erwähnt, sagte der Sprecher. Daher sei eine Zustimmung unmöglich. Die Regierung sei nur eine Marionette der Vereinigten Staaten.

Maliki hatte vor einer Woche seinen 24 Punkte umfassenden Plan vorgestellt, der auch eine Amnestie für Aufständische vorsieht, die der Gewalt abschwören.

Angriffe auf Parlamentarier

Bewaffnete griffen am Sonntag in Mahmudiya südlich von Bagdad die Abgeordnete Lika al-Yassin von der religiösen Schiiten-Allianz an. Die Parlamentarierin konnte nach Angaben aus Sicherheitskreisen entkommen. Die Extremisten verschleppten aber acht ihrer Begleiter.

Ein schiitischer Abgeordneter der säkularen Partei von Iyad Allawi überlebte ebenfalls einen Attentatsversuch. Aus dem Büro von Iyad Jamal al-Din hieß es, zwei Leibwächter des Politikers seien verletzt worden, als am Sonntag ein Sprengsatz in der Nähe des Hauses von Jamal al-Din in Bagdads Jadiriya-Viertel explodiert sei.

Noch kein Lebenszeichen gibt es von der sunnitischen Abgeordneten Taiseer Najah al-Mashhadani, die am Samstag gemeinsam mit acht ihrer Leibwächter in Bagdad entführt worden war. Aus Protest gegen die Entführung ihrer Abgeordneten setzte die sunnitische Front der Nationalen Einheit ihre Mitarbeit im irakischen Parlament aus.

Sprengsatz auf Markt

Am Sonntag explodierte erneut ein Sprengsatz auf einem Markt in der irakischen Hauptstadt. Nach Angaben des irakischen Staatsfernsehens wurden auf dem Markt im Al-Hurriya-Viertel 31 Menschen verletzt. Bei der Explosion einer Autobombe im Stadtteil Karrade kamen zwei Zivilisten ums Leben.

Liste mit "Top-Terroristen"

Der Nationale Sicherheitsberater, Muwaffaq al-Rubaie, präsentierte am Sonntag in Bagdad erstmals eine irakische Liste der meistgesuchten Terroristen des Landes. An erster Stelle steht Abu Hamza al-Muhajir, der von den Terrorzellen der Organisation Al-Kaida im Zweistromland zum Nachfolger von Abu Musab al-Zarqawi gewählt worden sein soll. Auf dem von Al-Jazeera veröffentlichten Tonband erteilt Bin Laden den Terroristen im Irak praktisch seinen Segen für die Ernennung Muhajirs zum neuen Chef, nachdem die US-Truppen Zarqawi getötet hatten.

Auf der Fahndungsliste stehen insgesamt 41 Verdächtige, darunter auch die Ehefrau von Ex-Machthaber Saddam Hussein, Sajida Khairallah und Saddams Tochter Raghd. Raghd war seit der Gefangennahme ihres Vaters durch die Amerikaner im Dezember 2003 mehrfach im arabischen Fernsehen aufgetreten und hatte ihren Vater verteidigt. (APA/dpa/Reuters)

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    Schaulustige am Anschlagsort in Sadr City.

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