Eric Kandel: Gesprächspartner, nicht Richter

7. Juli 2006, 16:01
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Der in Wien geborene amerikanische Neurowissenschafter und Nobelpreisträger, hat eine lesenswerte Autobiografie geschrieben

Die Meeresschnecke Aplysia hat Naturwissenschafter seit Jahrhunderten beeindruckt, weil sie eine purpurfarbene Tinte absondert, wenn sie aufgeschreckt wird. Sie lebt von Algen, von denen sie eine rötlich-braune Färbung bekommt, und wird vor der kalifornischen Küste bis dreißig Zentimeter lang. Für die Hirnforschung wurde die Aplysia attraktiv, weil sie nicht über 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn verfügt (wie der Mensch), sondern mit rund 20.000 auskommt, von denen einige noch dazu so groß sind, dass sie mit freiem Auge erkennbar sind.

Für Eric Kandel, den aus Wien stammenden amerikanischen Neurowissenschafter und Nobelpreisträger, wurde die Aplysia zu einem so wichtigen Studienobjekt, dass er ihr richtiggehend Komplimente machte: "Sie ist groß, stolz, attraktiv und offenbar sehr intelligent." Der Mensch und die Meeresmolluske bilden ein seltsames Paar, eine Versuchsanordnung, die von der Evolution ermöglicht wurde, weil die Strukturen des Geists von den einfachsten Lebewesen bis zum bestausgebildeten Forscher weit gehend gleich sind. Eric Kandel fand in der Aplysia, was die Fruchtfliege für die Genetiker wurde - einen einfachen Organismus, der doch die ganze Komplexität der Natur in sich trägt.

In seiner Autobiografie Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes räumt Kandel der Aplysia deswegen den gebührenden Rang ein. Er vergisst auch nicht zu erwähnen, dass schon der junge Sigmund Freud, viele Jahre vor der Entwicklung der Psychoanalyse, physiologische Studien an Flusskrebsen vorgenommen hatte. Mit seinen Forschungen zur Physiologie des Gehirns möchte Kandel das einlösen, was Freud noch als Vision formulieren musste: "Die Biologie ist wahrhaftig ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten, wir haben die überraschendsten Erklärungen von ihr zu erwarten." Das Forschungsprogramm des jungen Eric Kandel zielte dann auch tatsächlich darauf, die Freud'sche Topik biologisch zu begründen. Er wollte das Ich, das Es und das Überich in den Gehirnzellen selbst aufspüren. Die Aplysia gewährte ihm den Zugang zu der Ebene der Zellen, auf der die synaptische Kommunikation stattfindet, aus der Geist und Gedächtnis, Subjektivität und Autobiografie entstehen.

---> Prägende Erinnerungen

Die eigene Geschichte wird für Kandel also zum Forschungsmaterial. Zu den prägenden Erinnerungen für den Sohn aus einer Wiener jüdischen Familie aus dem 18. Bezirk gehört der 9. November 1938, zwei Tage nach seinem neunten Geburtstag. Am frühen Abend werden er, seine Mutter und sein Bruder in der Wohnung aufgestört. Zwei Polizisten begehren Einlass. "Noch heute habe ich das Bummern im Ohr." Die Familie wird von Nationalsozialisten delogiert und bei großbürgerlichen Juden untergebracht. Die Kandels bleiben nur noch ein halbes Jahr in Wien, dann bringen sie sich rechtzeitig nach New York in Sicherheit.

Die Erinnerungen an seine Heimatstadt (und an ein Dienstmädchen namens Mitzi) sind für den inzwischen weit über siebzigjährigen Kandel immer noch lebendig. Sie haben ihn durch eine erfolgreiche Forscherkarriere begleitet, in deren Verlauf er seinen Traum, die Freud'sche Psychoanalyse naturwissenschaftlich zu verifizieren, allerdings aufgeben musste. Die Erforschung der Funktionsweisen des Gehirns führte zu immer detaillierteren Ergebnissen, so dass inzwischen die Möglichkeit besteht, dem "Dialog zwischen den Genen der sensorischen Neurone und ihren Synapsen zu lauschen".

Kandel beschreibt anschaulich und unter Rückgriff auf die Ergebnisse zahlreicher Kolleginnen und Kollegen, wie sich die Biologie im 20. Jahrhundert von den "vereinfachten neuronalen Schaltkreisen" der Versuchstiere allmählich auf die genetische Ebene vorgearbeitet hat. Er stellt Francis Crick, einen der Entdecker der Doppelhelix-Struktur der DNA, auf eine Stufe mit Kopernikus, Newton, Darwin und Einstein. Sehr genau ist inzwischen bekannt, wie sich die Synapsen zwischen verschiedenen Neuronen anatomisch verändern müssen, damit so etwas wie Langzeitgedächtnis entsteht. Das Ziel, die "psychologischen Vorläufigkeiten" (Freud) biologisch einzuholen, bleibt aber in weiter Ferne. Es liegen Welten zwischen dem Experimentieren mit spezifischen Reizen, wie es der Behaviourismus mit seinen Studien zur Konditionierung vormachte, und der Erfahrung eines Individuums.

Auch Kandel wollte sich schließlich nicht auf diese Ebene beschränken, deswegen ließ er, nachdem er ihren Kiemenrückzugreflex eingehend studiert hatte, irgendwann von der Aplysia ab und wandte sich neuen Methoden zu. In seinem Optimismus, der sich aus der Erfolgsgeschichte seines Fachs speist, zeigt er sich gelegentlich ein wenig ungeduldig mit der Psychoanalyse. Er ist der Auffassung, deren Sachwalter ließen sich zu wenig auf die naturwissenschaftliche Forschung ein. Er weiß jedoch auch, dass er selbst viele Fragen offen lassen muss: "Was ist dafür verantwortlich, dass meine Erinnerung an Mitzi mich mein ganzes Leben nicht verlässt?" Auch wenn es Prozesse im Gehirn gibt, die mit diesem Erinnerungsvorgang korrelieren, bleibt doch offen, was das Bild von Mitzi im Gedächtnis bedeutet. Die Psychoanalyse kann dazu eine Interpretation entwickeln, die Biologie aber keine Hypothese, denn der Reiz (die leibhaftige Mitzi, die sich zu dem achtjährigen Erich Kandel auf das Bett setzte) ist im Prinzip neutral.

---> Biologie und Psychoanalyse

In einem Aufsatz über Biologie und die Zukunft der Psychoanalyse, erschienen in dem neuen Sammelband Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes, versucht Kandel, auf diese Fragen, die er in seiner Autobiografie nur streifen kann, genauer einzugehen. Er gibt sogar detaillierte Listen der Gebiete, auf denen die Biologie "mit der Psychoanalyse zusammenarbeiten könnte": Das Wesen unbewusster geistiger Prozesse gehört dazu, das Wesen der psychologischen Kausalität, auch Fragen der sexuellen Orientierung und der Psychopharmakologie als eine Ergänzung der Psychoanalyse. Das Unbewusste ist das, was in der Analyse erschlossen wird, aber niemals selbst beobachtbar ist. Der Traum, die Fehlleistung, der Witz ermöglichen einen Schluss auf das Unbewusste. Die Biologie soll nun aber das Unbewusste selbst beobachtbar machen, meint Kandel. Es soll sich direkt manifestieren, während es doch nach Auffassung der Psychoanalyse zu dessen Natur gehört, dass es sich verschlüsselt. Die Philosophie hat gelegentlich von einem "szientifistischen Selbstmissverständnis" bei Freud gesprochen - er habe sich als Naturwissenschafter verstanden und damit seine eigene Theorie nicht ganz begriffen. Kandel sieht dies aus der Perspektive der Biologie anders: Freud war aufgrund des Forschungsstandes seiner Zeit darauf beschränkt, spekulative Deutungen von Problemen zu entwickeln, bei denen die Einzelwissenschaften einer Lösung näher kommen. Sie wissen inzwischen viel über die Repräsentation der Außenwelt in der Gehirnstruktur, und Kandel selbst hat noch einmal an der Aplysia bestimmte Formen von antizipatorischer und chronischer Angst entdeckt, von denen er langfristig Schlüsse auf die Biologie des Menschen für möglich hält.

Eric Kandel greift in den abschließenden Kapiteln seiner Autobiografie noch voraus auf eine Theorie des Bewusstseins, bei der auch die Hirnforscher noch sehr vorsichtig in ihren Mutmaßungen sind. Wesentliche weitere Aspekte des Gedächtnisses, vor allem dessen biosoziale Dimension, bleiben ausgespart, weil sie nicht direkt zu seinem Gebiet gehören. Der Vorsprung des Menschen vor der Aplysia hat auch damit zu tun, dass die eine Gattung es irgendwann gelernt hat, wichtige Funktionen der Erinnerung auszulagern (in Schrift, in Medien, in Tradition), so dass sie auf andere Weise darauf zugreifen konnte. Nicht jede Erfahrung muss seither in die Erbsubstanz. Die Geschichte mit Mitzi ist nicht nur in den Synapsen aufgehoben, sondern auch (in individuellen Variationen) bei Schnitzler und Schiele. Wenn die Aplysia ein Tier ist, das bei Gefahr einen Schwall Tinte ausschüttet, dann ist der Mensch das Wesen, das ohne Not viel Druckerschwärze freisetzt. Darauf beruht die Erfolgsgeschichte der Gattung. Es zeichnet Eric Kandels Bücher aus, dass er sich auf den vielen Feldern, auf denen er Experte ist, niemals als Richter aufspielt, sondern immer als der eminente Gesprächspartner begreift, der er ist. (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2. 7. 6. 2006)

Literatur

Eric Kandel: "Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes." € 25,70/528 Seiten. Siedler Verlag, München 2006.

Eric R. Kandel: "Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes." € 28,80/340 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2006.

Hans J. Markowitsch/Harald Welzer: "Das autobiographische Gedächtnis." € 30,40/302 Seiten. Klett- Cotta, Stuttgart 2005.

Hinweis:

Eric Kandel in Wien: 7. Juli 2006, Buch- vorstellung und Signierstunde, 13 bis 14 Uhr, Uni Campus Altes AKH, Spitalgasse 2, Wien.

8. Juli 2006 , Buchvorstellung und Signierstunde, 18 Uhr, Jüdisches Museum Wien, Dorotheergasse 11.
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