"So scheiden wir bei der EM gleich aus"

14. Juli 2006, 12:59
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Dass sich über Fußball trefflich diskutieren lässt, ward am Donnerstag wieder eindrucks­voll bewiesen - DER STANDARD hatte gela­den, auch das Match der Worte dauerte rund 90 Minuten

Wien - "Fußball vom anderen Stern - Finale WM-Prognosen, mächtige Referees, ohnmächtiges Österreich."Der früh fixierte Titel der Veranstaltung war beinah von der Aktualität überholt worden. "Heute", so Fritz Neumann, Standard-Sportressortleiter und Leiter der gut besuchten Podiumsdiskussion im Roten Salon des Palais Trauttmansdorff in der Wiener Herrengasse, "würden wir die Referees wohl noch mehr hervorheben."

Die Schiedsrichter sind aber auch nicht an allem schuld. Und dass die WM gar zur torärmsten der Geschichte zu werden droht, ließ sich für Frenkie Schinkels, den Meistertrainer der Austria, leicht erklären. Schließlich ist "Defensivarbeit am einfachsten zu trainieren. Und die Fitness ist voll in die Höhe geschossen. Mit ihr kann man Schwächen kompensieren."

Helmut Senekowitsch, Österreichs Teamchef bei der WM 1978 (Córdoba!) hat "sehr unterschiedliche Spiele gesehen, von schön bis verheerend", wobei ihn die Holländer "besonders entsetzt haben mit ihrem Kick wie England vor 40 Jahren". Senekowitschs Bedauern galt den gescheiterten Außenseitern, etwa den Teams aus Afrika, "die zwar teilweise wunderbar gespielt haben, aber große Probleme damit hatten, in die 7,32 Meter großen Tore zu treffen".

Mehr als die Frage, welche Rolle Österreich bei dieser WM gespielt hätte ("eine kuriose"), beschäftigte den Kabarettisten Florian Scheuba die unglaubliche Begeisterung, die die Endrunde in Deutschland, aber auch weltweit ausgelöst hat. Scheuba ortet nach dem ballesterischen Overkill der Champions League eine "Sehnsucht nach dem Phänomen Nationalmannschaft".

In der Konzentration auf ein Großereignis, darin stimmte man überein, liegt Österreichs EURO-2008-Chance. FIFA-Referee Fritz Stuchlik regte an, in der EM-Saison die Liga ohne Rückrunde abzuwickeln, "so ersparen wir uns Termine für das Team". Für Schinkels eine gute Idee: "Dann sind wir früher Meister."

"Man soll die Hoffnung nie aufgeben", sagte Senekowitsch, "aber die Vereine müssten mittun."Ein Halbsatz, der Schinkels aus der Reserve lockte. Die Probleme seien viel grundsätzlicher. "Ein Michael Schumacher wird auch nicht in einem Lada Formel-1-Weltmeister. Und wenn weiter, wie heute Früh bei der Wiener Austria, der Platzwart bestimmt, wann trainiert wird, wird Österreich in der ersten EM-Runde ausscheiden. So einfach ist Fußball."

Kreativitätsverbot

In dieser Einfachheit sei er auch dem Nachwuchs zu vermitteln. Doch österreichische Jugendspieler hätten nicht die Freiheit, Fehler zu machen. Es herrsche ein Kreativitätsverbot. "Es werden fußballerische Sonderschüler herangezogen", sagte Schinkels.

Die hohe Kunst der überraschenden Spielverlagerung demonstrierte Diskussionsleiter Neumann mit dem Anschneiden des Schiedsrichter-Themas, Kabarettist Scheuba übernahm volley. Satiriker seien ja prinzipiell gegen Schiedsrichter, "andererseits wecken Referees aber in mir auch Beschützerinstinkte". Die fragwürdigen Entscheidungen gehörten zum Fußball dazu, "weil auch ein Schiedsrichter ein Spiel interpretiert. Und eine große Qualität des Fußballs ist der Diskussionsstoff."Stuchlik führte manche Schnitzer seiner Kollegen auf die Kommunikation mit den Assistenten per Headset zurück. "Es ist möglich, dass dieses Hilfsmittel für einige zu sehr Neuland ist."

Der Schlusspfiff nahte, ein paar Minuten Nachspielzeit waren aber auch im Palais in der Herrengasse unumgänglich. Die Weltmeister-Tipps mussten noch her, und die Herren einigten sich auf Argentinien. Wobei Schinkels auch Titelverteidiger Brasilien nicht abschreiben wollte. "Wenn die Brasilianer begreifen, dass sie nicht über den Ball springen, sondern die Kugel ins Tor schießen müssen." (DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 1. Juli 2006)

Sigi Lützow
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