Die Nacht des Jägers

6. Juli 2006, 15:39
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Als "The Night of the Hunter" 1955 herauskam, konnten weder die Kritiker noch das breite Publikum mit dem Film etwas anfangen

All das, wovor wir uns als Kinder so sehr gefürchtet haben, die schwarzen Männer, die bösen Träume, die gespenstischen Schatten an der Wand, malt dieser Film mit expressionistischem Pinselstrich zum düsteren Horrorgemälde aus. Und allem, wonach wir uns damals so sehr gesehnt haben, nach der liebe Fee, dem Schutz des Himmels, dem Sieg des Guten, setzt er wie funkelnde Sterne den Nachtmahr entgegen. Die Nacht des Jägers ist ein Film, der an unseren Urängsten und elementarsten Gefühlen rührt. Deshalb wird man wieder zum Kind, wenn man ihn sieht, bangt, zittert und hofft wie ein Kind und kuschelt sich am Ende märchenselig in die Worte der liebevollen Mrs. Cooper, die da betet: "Oh Herr, beschütze die Kinder . . . Sie nehmen ihr Kreuz, und sie tragen es."

Als "The Night of the Hunter" 1955 herauskam, konnten weder die Kritiker noch das breite Publikum mit diesem seltsamen Mischling aus Film noir, Thriller, Gothic-Schauermärchen und biblischem Gleichnis im Stil des filmischen Expressionismus etwas anfangen. Der Regiedebütant Charles Laughton soll darüber so enttäuscht gewesen sein, dass er sich schwor, nie wieder einen Film zu drehen. Die Nacht des Jägers blieb tatsächlich die einzige Regiearbeit des Schauspielers: ein Meisterwerk, eingegangen in die Filmgeschichte, eingebrannt ins Herz der Finsternis, dorthin, wo unsere Albträume entstehen.

Robert Mitchum spielt in der Rolle des falschen Wanderpredigers Harry Powell nicht einfach nur einen Bösewicht - er ist das Böse selbst, der Teufel in Person, schmeichelnd, säuselnd und heuchelnd, scheinheilig bis zum Niederknien. Wenn er das erste Mal vor dem Haus der Harpers erscheint, wirft das Licht der Gaslaterne sein Profil als unheilvollen Schatten an die Kinderzimmerwand, als sei er Murnaus Nosferatu entwichen. Auf den Fingerknöcheln der linken Hand hat Mitchum das Wort ,Hate' tätowiert, auf denen der rechten das Wort "Love", damit erzählt er die Geschichte von Gut und Böse quasi im Handumdrehen. Allein das: ein Schauerstück. Harry Powell, der Mörder im Habit eines Reverend, hat es auf das Geld abgesehen, das Vater Harper nach einem Banküberfall schnell noch seinen Kindern anvertraute, bevor er verhaftet und hingerichtet wurde. Powell schleimt sich bei Harpers Witwe (Shelley Winters) ein, heiratet sie und jagt den Kindern hinterher, dem verantwortungsvollen John und der kleinen Pearl, die sich mit dem in einer Puppe versteckten Geld auf die Flucht begeben. Die nächtliche Bootsfahrt der Geschwister unter dem glitzernden Himmelszelt, die ins Zeichenhafte übersteigerte Natur, die wehenden Haare der toten Mrs. Harper auf dem Flussgrund - das sind Bilder von einer Suggestivkraft, wie nur ein Traum sie hinterlässt. (DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.7.2006)

Von Christine Dössel
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    foto: süddeutsche cinemathek
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