Jan Ullrich

13. Oktober 2006, 12:44
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Die Siege, die Schwächen, der Absturz

"Georg Totschnig geht zu schnell kaputt", hat Rudy Pevenage einmal über Österreichs besten Radsportler des vergangenen Jahrzehnts gesagt. Der Belgier, seit Jahren persönlicher Betreuer und engster Vertrauter von Jan Ullrich, dessen Domestik Totschnig lange Jahre war, konnte damals noch nicht wissen, dass Ullrich selbst einmal im übertragenen Sinn kaputtgehen würde. Und mit ihm vielleicht der ganze Profiradsport.

Dabei galt der am 2. Dezember 1973 in Rostock geborene Ullrich lange Jahre als Wunderkind, das dem Radsport mit Deutschland einen der wichtigsten Märkte neu erschloss. Seine Grundausbildung erfuhr der sommersprossige Bub noch im Sportsystem der DDR. Nach der Wende war er zum Sprung auf die große Bühne bereit und tat ihn als 19-Jähriger mit dem Gewinn der Straßen-Amateur-WM in Oslo.

Zwei Jahre später unterschrieb der einzigartig Veranlagte seinen ersten Vertrag beim deutschen Team Telekom, zog ins südbadische Merdingen. 1996 belegte er bei seiner ersten Tour de France den sensationellen zweiten Platz. Und als er im Jahr darauf als erster Deutscher und als jüngster Fahrer aller bisherigen Zeiten das weltweit wichtigste Radrennen gewann, schien eine neue Ära angebrochen. Jene von Ullrich Superstar, dem Liebling der Nation.

Dass die Nation ihre Lieblinge auch gut beobachtet, erfuhr Ullrich alle Jahre wieder, vor allem wenn das im Winter angesammelte Übergewicht nicht und nicht weichen wollte. Das Versprechen, Tour-Seriensieger zu werden, konnte er nicht einlösen. Olympiasiege und WM-Titel Ullrichs verblassten, als Lance Armstrong seine sieben Jahre andauernde Alleinherrschaft bei der Tour antrat. Was an Ullrich interessierte, waren seine vorgeblichen Schwächen.

2002 musste er wegen einer Knieverletzung pausieren, die Zeit verging auch in Diskotheken. Ullrich verursachte unter Alkoholeinfluss einen Autounfall, wurde positiv auf Amphetamin getestet. Das Werfen von zwei Partypillen war gegen die rundum im Radsport ausbrechenden Dopingskandale ein Klacks.

Nach sechs Monaten Sperre kehrte Ullrich offenbar geläutert zurück. Das Verlassen der Dauerfreundin und seiner eben erst geborenen Tochter Sarah Maria ließ die Blätter rauschen, Ullrich übersiedelte in die Schweiz, lernte Sara Steinhauser kennen, die er noch heuer ehelichen will.

Auch der neue Ullrich kam gegen Armstrong nicht an, aber das Alter sprach für ihn. Mit dem Rücktritt von "Le Boss" nach der Tour 2005 schien der Weg frei, die alten Versprechungen einzulösen. Kann sein, dass Ullrich dieser Vorsatz ins Labor eines spanischen Dopingarztes führte, als dessen Kunde er jetzt enttarnt wurde. Blutdoping konnte ihm bisher nicht nachgewiesen werden, als Sportler erledigt ist er so oder so. (DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 1. Juli 2006, Kommentar von Sigi Lützow)

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