Guus Kuijer: "Wir alle für immer zusammen"

30. Juni 2006, 20:45
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Der Autor schenkt seinen Lesern starke, mutige Kinder, die nicht aufgeben, auch wenn die Erwachsenen es ihnen alles andere als leicht machen

"Wir alle für immer zusammen" - so stellen sich Kinder wohl das Paradies vor. Doch ihre Lebenswirklichkeit sieht fast immer sehr anders aus, vor allem, wenn sie in einer Großstadt wie Amsterdam aufwachsen, wie die 11-jährige Polleke. "Caro und ich sind die einzigen niederländischen Kinder in der Klasse. Alle anderen sind Ausländer. Caro hat einen Sehr Unnormalen Papa (SUP). Und ich hab einen UP. Ich glaub, alle niederländischen Kinder haben einen Unnormalen Papa. Meine Mutter sagt, dass es früher auch ein paar Normale Papas gab. Die kamen nach Hause, guckten Fernsehen und tranken Bier. Solche Väter gibt's, glaub ich, nicht mehr." Einen solchen Normalen Papa würde Polleke gar nicht wollen. Sie liebt ihren UP sehr, und es macht sie traurig, dass sie offenbar die Einzige ist, die noch an ihn glaubt, obwohl er sie immer wieder enttäuscht und sich mit Dealen, wechselnden Freundinnen irgendwie durchschlägt. Sie hält ihn für einen Dichter, obwohl er nur ein einziges Gedicht für sie geschrieben hat:

Es gibt immer eine Luft / für meine Schlösser / und es gibt immer auch ein Plätzchen / für Polleke, mein Schätzchen.

Er ist eben ein Dichter ohne Gedichte, findet sie - ganz im Gegensatz zu ihr, der zu jeder Gelegenheit ein Gedicht einfällt und die beim Spiel mit der Sprache viel Trost schöpft. Denn Trost braucht sie, und ihr Vater ist keineswegs ihr einziges Problem. Auch bei der Mutter muss sie die Starke sein, wenn diese sich nachts bei ihr ausweint und sich dann auch noch peinlicherweise in Pollekes Lehrer verliebt.

Da vergeht ihr schon manchmal ihre muntere Tapferkeit, und ihre kleinen Gedichte klingen dann eher wie Aufschreie. Wenn ihr alles über den Kopf wächst, flüchtet sie sich zu ihren Großeltern aufs Land. Hier holt sie sich Kraft und hierher folgt ihr Mimun, ihr allerliebster Freund, dessen Familie aus Marokko kommt und die innige Freundschaft zwischen den Kindern nicht dulden will. "Ich bin hier geboren. Ich spreche genauso gut Niederländisch wie du ... Ich gehe mit dir und mit keiner anderen." Auf eine solche Liebeserklärung antwortet Polleke natürlich mit einem Gedicht:

Alles ist gut so, wie es ist: Ein Fisch gehört ins Wasser, ein Vogel in die Luft, eine Hand in meine - seine.

Es sind großartige Kinder, die Guus Kuijer seinen Lesern geschenkt hat. Starke, mutige Kinder, die nicht aufgeben, auch wenn die Erwachsenen es ihnen alles andere als leicht machen. Kinder, die man einfach lieb haben muss und die sich längst von ihrer Geschichte gelöst haben. So ist es nur logisch, dass Guus Kuijer darauf bestand, dass nicht er, sondern Polleke den Deutschen Jugendliteraturpreis 2002 gewonnen habe. (DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.7.2006)

Von Hilde Elisabeth Menzel
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    foto: süddeutsche junge bibliothek
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